Archive for the ‘Handgemachtes und selbstgenähte Kleidung’ Category

5
Aug

Näh-Paraphernalien

   Posted by: jea Tags:

Genauso wie Ziegenschädel, schwarze Kerzen und Molchaugen unbedingt nötig sind zum Beschwören von Dämonen, gibt es ein paar Dinge, die die Probe beim Nähen von Gewandung erleichtern. Dieser Post ist ursprünglich Teil einer Näh-Anleitung für ein Paar Thorwaler Hosen gewesen, aber ich habe mir gedacht, dass es vielleicht ganz praktisch wäre, ihn noch mal einzeln zu posten, sozusagen zum Nachschlagen, was man als Grundausrüstung so braucht, um sich seine Gewandung selbst zu nähen:

Nähparaphernalien

Nähparaphernalien

Um die Sachen so zu nähen, wie ich es hier beschreibe, benötigt ihr neben Stoff und Nähnadeln noch ein paar Paraphernalien:

  1. Schneiderschere
    eine große, scharfe Schere. Wenn ihr eine neu kauft, lasst euch nicht so’n Quatsch mit Sägeschneiden aufschwätzen. In einem guten Messergeschäft kostet eine große Schneiderschere, die ihr ein Leben lang nachschärfen könnt, um die 30,-
  2. Bügeleisen und Bügelbrett
    Nix besonderes. Das Eisen muss heiß werden und so regulierbar sein, dass ihr auch mal Synthetics bügeln könnt, ohne sie zu schmelzen. Wer kein Bügelbrett hat oder keinen Platz für eines, kann auch ein dickes Handtuch auf einen (unempfindlichen) Tisch legen.
  3. Schnittmusterpapier
    Man kann im Schneiderbedarf extra Schnittmusterpapier kaufen,das sehr leicht ist und halbdurchsichtig, so, dass man damit fertige Muster aus Zeitschriften o.ä. kopieren kann (3,- bis 4,-). Eine Rolle Packpapier erfüllt für uns den gleichen Zweck, genaugenommen jeder Papierbogen, der glatt genug und groß genug ist. Wer also noch etwas rumliegen hat, muss sich nicht extra Schnittmusterpapier kaufen.
  4. Bleistift und Radiergummi
    Ebendiese. Wer gekauftes Schnittmusterpapier verwendet, ist mit einem weichen Bleistift und weichen Radiergummi besser beraten, weil das Papier leicht reißt.
  5. Maßband
    Prinzipiell tut’s das für 1,- aus der Grabbelecke im großen Supermarkt. Leichter handzuhaben sind diese, bei denen jeder Dezimeter unterschiedlich eingefärbt ist. Richtig doof sind die, die auf beiden Seiten gegengleich beschriftet sind. So mancher Messfehler geht auf diese Maßbänder zurück.
  6. Schneiderkreide
    ist eine feste Kreide, deren bunter Staub sich aus den meisten Stoffen rückstandslos auswaschen lässt. (kostet ca 1.-) So lange wir alle Markierungen ausschließlich auf der Rückseite machen, tut’s aber auch ein weicher Bleistift oder sogar ein Kugelschreiber, das sieht später sowieso niemand mehr.
  7. Stecknadeln
    Wer immer genau darauf achtet, die Nadeln nicht zu übernähen und gestecktes Nähgut nicht rumliegen lässt, kann die billigen nehmen. Wer damit rechnet, dass zusammengesteckte Sachen schon mal ein paar Wochen rumliegen, bevor sie fertig genäht werden, nimmt lieber teurere (im Schneidergeschäft beraten lassen), da die superbilligen oft Flugrost ansetzen.
  8. Nähgarn
    Wer am Nähgarn spart, kauft sich Ärger ein. Ich persönlich bevorzuge Baumwollgarn, weil ich selten mit Synthetikstoffen arbeite und daher lieber das gleiche Material für Stoff und Naht haben will. Viele kleine Stoffgeschäfte führen aber eine größere Farbauswahl nur in Synthetik, so, dass man hier vielleicht Zugeständnisse machen muss. Synthetikgarn ist allgemein etwas reißfester.
    Gütermann oder Anker sind gute Marken, von den großen Boxen mit 50 verschiedenfarbigen Rollen im Supermarkt sollte man sich lieber fernhalten.
  9. Nähmaschine
    Prinzipiell geht es auch ohne. Was die Nähmaschine nähen kann, kann man mit der Hand schon längst nähen. Aber es dauert! Weil ich davon ausgehe, dass viele LARPer ähnlich ungeduldig oder vielbeschäftigt sind wie ich, rate ich zur Nähmaschine. Wenn sie gut gepflegt ist, ist die von Oma oder Mama eine gute Wahl. Da bekommt man auch gleich eine Einweisung kostenlos dazu.
    Wer sich extra eine Nähmaschine kaufen will, der lasse sich Zeit. Geht in verschiedene Nähmaschinenläden, nehmt Stoffstückchen mit und verlangt, probezunähen. Wo ihr nicht probenähen dürft, da seid ihr schlecht beraten.  Lasst euch beraten, hört euch alles an.
    Dann schlaft darüber und überlegt, wie oft ihr die elvendröfzig Zierstiche und den Kniehebel brauchen werdet. Für die allermeisten Bedürfnisse des Anfänger-Kostümschneiders tut’s das einfachste Modell.
    Das einzigste Extra, das wirklich auch für blutige Anfänger ein wahrer Segen ist, ist der sogenannte Walking foot: Eine gewöhnliche Nähmaschine transportiert den Stoff von unten: Eine Art Sägezahnkette schiebt zwischen zwei Nadelsenkungen den Stoff en Stückchen nach vorne, damit die Nadel an der nächsten Stelle einstechen kann. Der Nähmaschinenfuß klemmt dabei den Stoff von oben fest und bewegt sich nicht. Dadurch kann es, je nach Material, schon mal zu Verschiebungen zwischen Ober- und Unterstoff kommen, die einen auch schon mal in den Wahnsinn treiben. Der Walking foot dagegen bewegt sich mit jedem Stich mit und bewegt den Stoff gleichzeitig mit dem Untertransport. Viele Nähmaschinen kommen heutzutage schon gleich mit Walking foot, aber häufig sind das die, die auch noch die zweitausend Zierstiche und den Kniehebel haben. Da fährt man meist besser damit, den Fuß einzeln nachzukaufen.

In diesem Jahr haben Sven und ich alle unsere Weihnachtsgeschenke selbst gemacht. Wir finden, dass ein Geschenk viel ‘besser’ ist, wenn es nicht nur ein Platzhalter für einen Umtauschgutschein ist, sondern etwas speziell von uns entworfenes und genau für die beschenkte Person angefertigtes. Amazon war gestern!

Für unsere Pralinenküche haben wir zunächst einmal eine Riesenmenge erstklassiger Schokolade besorgt. Denn schließlich nutzt die sorgfältigste und liebevollste Herstellung nichts, wenn die Zutaten zweitklassig sind.

5 kilo Schokolade

Daraus wurden dann nach und nach weihnachtliche Leckereien, gefülltes und ungefülltes Nürnberger Marzipan, selbstgemachtes Milchschokoladen-Kaffee Fudge, Venus Nippel, Pistazienmarzipan mit Walnüssen, Fruitcake, den wir wochenlang mit Rum und Orangenlikör gefüttert haben, mit Nougat gefüllte Marzipantrüffel, feine Mandelspekulatius, Rumkugeln, Orangentrüffel, Mandelhäufchen, Amarettini, Florentiner und noch mehr…

Weihnachtspralinenküche

Für meinen Schwiegervater habe ich eine Fellmütze genäht und hochprozentigen Kräuterschnaps angesetzt. Außerdem bekam er wie fast alle anderen eine Auswahl unserer süßen Kalorienbomben.

Schwiegervaterpack

Schwiegervaterpack

Die Fellmütze ist vollständig mit Nutria gefüttert. Das sollte auch in kälteren Wintern wunderbar warm bleiben.

Fellmütze innen

Der Außenstoff ist ein schwerer Wollloden, ein Wollstoff, der leicht angefilzt ist. Die Wolle ist nicht gefärbt, sie stammt von braunen Schafen.

Fellmütze außen

Alkohol ist zwar keine Lösung, sondern ein Destillat, aber wir haben Kräuteraromen darin gelöst, so, dass es jetzt doch eine Lösung ist!

Alkohol als Lösung

Meine Schwiegermutter bekam eine bute gequiltete Pinselmatte für ihre künstlerischen Hobbies so wie einen Fruitcake (garantiert vier Wochen lang mit den feinsten Alkoholika gefüttert) und natürlich auch eine Auswahl an Pralinen.

Schwiegermutterpack

Hier sieht man die Außenseite der Pinselmatte, zusammengesetzt aus kleinen Stofffitzelchen – genau das Richtige für einen so ungeduldigen Menschen wie mich!

gequiltete Pinselmatte von vorne

Hier kann man noch mal die Innenseite der Matte sehen, links und rechts hat sie zwei schmale Taschen für Kleinkram, der nicht herausfallen soll und ein Band zum Zubinden.

Rückseite Pinselmatte

Svens Onkel und Tante bekamen eine bemalte Christbaumkugel, weil seine Tante Christbaumkugeln sammelt und einen Würzwein nach Hippokrates, so wie natürlich auch Pralinen.

Vetternpack

Ein lieber Freund bekam Emoji-Kissen

Emoji-Kissen

und seine Freundin eine stylische Schnurrbarttasse gefüllt mit einer Pralinenauswahl

Frau trägt in diesem Jahr wieder Bart

Unser dreijähriger Neffe bekam Schwert und Schild aus Holz (die aus Metall bekommt er, wenn er sechs wird ;-) )

das Schwert in der Couch

Meine Mutter bekam einen Katzenquilt

Katzenkopfquilt

Hier sieht man die Rückseite, bevor die Umrandung drankam,

Quilt Rückseite. Dem Hund gefällt’s

und hier den ganzen fetigen Quilt von vorn.

viele Katzenköpfe

Mein Vater bekam für seinen neuen Hund ein Set aus Hundeleine, Hundegeschirr und Leckerchen-Beutel, alles aus Leder und mit Punzierungen verziert.

Hundeset

Und schließlich haben Sven und ich uns auch etwas geschenkt. Ich bekam einen von Sven selbstgemachten Bänderwebrahmen zum Brettchenweben,

Bänderwebrahmen

den ich natürlich gleich ausprobiert habe.

Webrahmen mit aufgezogener Kette

Das Weben damit geht super! Kein Vergleich zum Weben am Türrahmen. Jetzt kann ich in Zukunft auch die Borten für meine mittelalterlichen Gewänder selbst machen.

fertig gewebtes Band

Sven dagegen hat von mir zwei Dinge bekommen: Eine Tasse, die ich zwar nicht selbst angefertigt, aber selbst entworfen habe. Eine lokale Töpferin hat sie für mich nach meinen Vorgaben engefertigt. Sie hat ein Extra Fach für Kekse und ein Cookie-Monster Gesicht “C is for Cookies, that’s good enough for me!”

Cookie Cup

Außerdem gab’s noch ein T-Shirt mit einer Elch-Umarmung für meinen Elch-Fan.

Ich glaub’ mich knutscht ein Elch

Und, als dann noch immer noch nicht alle Tage von morgens bis abends ausgefüllt waren, habe ich noch ein paar Hemden im 1920er Stil für Sven und mich gemacht.

Hier ist eines von Sven

1920er Hemd

und ich mag es etwas bunter und verspielter:

1920er Dress Shirt mit abgesetzter Front

Natürlich kann ich auch solche Hemden für Kunden anfertigen. Ein 1920er Hemd kostet einen Anfertigungspreis von 60,- Euro, dazu kommen noch der zu verarbeitende Stoff und Knöpfe. Maßanfertigung passend für den Träger ist selbstverständlich inklusive.

9
Mar

Wie eine Gewandung entsteht

   Posted by: jea Tags: ,

Hier kommt mal ein Post für alle, die sich unter Ausmessen und Vorschnitten etc. nicht so recht was vorstellen können.

Er beschreibt, wie eine Gewandung von Anfang an entsteht.

Am Anfang jeder Gewandung steht immer die Idee: Was soll es sein, was soll dargestellt werden?

Ralf wollte gerne eine Gewandung, mit der als Darsteller des reicheren Bürgertums im 13. Jahrhundert mit seiner MA-Gruppe auf Lager fahren konnte. Ihm schwebte ein langes Gewand vor, außerdem ein Mantel und eine passende Kapuze.

Wir haben das besprochen und einige Bilder angeschaut und sind schließlich auf folgendes hinausgekommen:

-1 Paar hochmittelalterliche Beinlinge (die Bruche dazu bekommt er von einem Freund)

-1 Cotta mit einem Rundhalsausschnitt und Stehkragen und an den Unterarmen schmal geschnittenen Ärmeln, die mit Knöpfen körpereng gehalten werden

-1 Gardecorps, mit Quetschfältchen an den Schultern und weiten Scheinärmeln, ohne Kapuze, mit einem Schlüssellochausschnitt, vorn geschlitzt

-1 passende Kapuze, in der körpernah geschnittenen Form, die später als Kukulle in die klerikale Kleidung einging, mit einem in Paspelfalten gelegten Saum

Dazu gab’s auch ein paar Skizzen.

Beinlinge und Kapuze

Cotta

Gardecorps

Dann haben wir über Stoffe geredet. Ralf wollte gerne, dass ich mich um die Beschaffung der Stoffe kümmere, also hat er sich die Seiten von naturtuche angeschaut und die Proben angefasst, die ich hier habe.

Damit kamen wir auf folgende Stoffe:

-Für die Beinlinge: weinrote Wolle in leichter Qualität

-Für die Cotta: dunkelblaue Wolle in leichter Qualität gefüttert mit leichtem weißem Leinen

-Für Gardecorps und Kapuze: weinrote Wolle in mittlerer Qualität gefüttert mit mittlerem weißem Leinen.

Ich habe Ralf vermessen und Details wie z.B. die Kragenformen und Schlitze mit ihm besprochen, danach habe ich mich hingesetzt und ausgerechnet, wie viel von den Stoffen ich brauche.

Das Ergebnis habe ich Ralf gemailt und er hat mir die Kosten für die Stoffe als Vorkasse überwiesen.

Als die Stoffe hier waren, habe ich sie erst einmal gewaschen, so heiß, wie die einzelnen Stoffe es gerade vertrugen, damit sie gut einlaufen. Das ist wichtig, damit die Kleider nicht bei der ersten Wäsche einlaufen und dann nicht mehr passen.

Danach wurden die Stoffe getrocknet und gebügelt und die Schnittmuster entworfen.

Die Beinlinge habe ich dann aus dem Wollstoff mit viel Nahtzugabe zugeschitten, alle anderen Sachen nur aus dem Futterleinen. Zusammengenäht habe ich alles mit weiten Stichen, damit es sich leicht wieder auftrennen lässt.

Dann habe ich Ralf zur Anprobe herbestellt. Ralf musste alle Sachen anziehen und nicht zucken, während ich zum Beispiel die Beinlinge hauteng ansteckte, und sich entscheiden, wie lang der Ärmelschlitz im Mantel sein sollte und ob ihm der Kragen der Kapuze auch nicht zu eng war. Ich habe alles mit Stecknadeln abgesteckt und mir Notizen gemacht über die Änderungen, die anlagen.

Beinlinge werden hauteng angesteckt Bei den fertigen sieht man keine Falten mehr.

Der Halsausschnitt der Cotta ist zu weit. Hier verzichten wir auf den Einschnitt.  Außerdem müssen die Unterärmel passend abgesteckt werden.

Der Kragen der Kapuze wird abgesteckt, die Falten auf die passende Höhe gebracht.

Auch die Kapuze wird anprobiert

Beim Gardecorps muss die Höhe und Länge des Ärmelschlitzes ermittelt werden, außerdem die Höhe des Frontschlitzes.

Wenn das alles überstanden ist, gibt’s noch ne Tasse Tee, nen Cookie und nen Plausch und dann muss Ralf wieder warten.

Nach ein paar Wochen dann schreibe ich Ralf wieder, dass seine Sachen fertig sind und schicke schon mal ein Teaser-Foto mit. Ralf entscheidet sich, dass er die Sachen gern selbst abholen möchte, um sie noch ein letztes Mal anprobieren zu können. Wir einigen uns per mail auf einen Termin und er kommt hierher, um alles anzuprobieren.

Die blaue Cotta passt prima, sie liegt am Oberkörpe und an den Armen genau an und auch die Saumlänge passt genau.

Hier sieht man, dass nicht nur die Schlitze der Gardecorps-Ärmel passen, sondern man sieht auch, dass die blauen Cotta-Ärmel mit den Knöpfen ganz genau auf Ralfs Unterarme passen

Kapuze? Passt! Kragen? Sieht gut aus.

Auch der Schlitz im Gardecorps hat die richtige Höhe.

Was man auf den Fotos leider nicht sehen kann, ist, dass auch Ralfs Beinlinge jetzt hauteng anliegen und ganz im Sinne des hochgotischen Geschmacks die Männerwaden so richtig abbilden :-)

Ralf ist zufrieden, ich auch. Überhaupt bin ich immer erst richtig zufrieden, wenn meine Kunden es sind. Das ist schließlich mein Beruf!

Ralf bekommt jetzt von mir eine Rechnung, auf der genau die Preise stehen, die wir zuvor zusammen besprochen haben, und, natürlich wird hier die VK abgezogen, die Ralf schon geleistet hat. Ich bekomme Geld, Ralf die Rechung und die Klamotten, Tee und Kekse finden sich bestimmt auch noch, und dann fährt Ralf mit seinen neuen Klamotten zufrieden wieder nach Hause.

Und, wenn Ralf wirklich zufrieden ist, dann macht er vielleicht im Lager noch mal ein schickes Foto von sich in seinen neuen Klamotten, das er mir zur Veröffentlichung überlässt.