14
Apr

Gambeson nach Maciejowski

   Posted by: jea   in Mittelalter-Manufaktur

 

Ich wollte doch noch über den zweiten Gambi berichten, den ich in diesem Winter/Frühjahr angefertigt habe.

Dieser ist nach einem klassischen Maciejowski-Schnitt gemacht, klassische Röhrensteppung, an den Seiten leicht ausgestellt, hoher Kragen und (in diesem Fall) Halbarm.

Dieses Bild gibt eine ganz passende Vorlage ab:

Kreuzfahrer- /Maciejowski-Bibel Gambeson

Im Gegensatz zu diesem leicht bekleideten Fußsoldaten wollte der zukünftige Gambesonträger aber wirklich gut gerüstet sein und hat sich deshalb für ein doppeltes Vlies aus einem Wollvlies mit hoch belassenem Lanolingehalt entschieden.

Als Stoffe kamen hier Bauernleinen zur Verwendung, die mir der Kunde selbst zugeschickt hat.

Ich kann nur sagen: Es ist wirklich sehr schön, mit handgewebten Stoffen zu arbeiten, die haben viel mehr ‘Lebendigkeit’ als industriell gewebte Stoffe, bei diesen Stoffen kan man im richtigen Licht sehen, dass sie leicht gestreift erscheinen: Man sieht, wo der Weber oder die Weberin die Spule gewechselt hat und als nächstes ein wenig festeres/leichteres/helleres/dunkleres Garn zum Einsatz kam. Außerdem kann man diese Stoffe in ihrer ganzen Breite verwenden, industriell gewebte Stoffe haben ja, aufgrund der maschinellen Herstellung, immer einen 1-2cm breiten ‘Rand’, den man nicht mitverwenden kann.

Es ist wirklich schade, dass es nur noch so wenig handgewebte Stoffe gibt, und, wenn, dann nur sehr teuer. Ich finde, Kleidung aus solchen Stoffen ist viel schöner als solche, bei der jeder Quadratzentimeter ganz genau aussieht wie der nächste.

Natürlich mussten hier bei dem doppelten Vlies auch erst mal alle Einzelteile vorgesteppt werden. Wie das geht, sieht man in meinem Blog über den VoLa-HiKu-Gambeson; das Stoff/Wollvlies/Stoff-Sandwich wird auf einen großen Rahmen gespannt und dann werden gaaaanz viele vorher markierte Kreuzungspunkte mit der Hand genau aufeinander festgesteppt. So kann beim späteren Steppen nichts mehr verrutschen.

Hier seht ihr das Ergebnis mehrwöchiger Stepparbeit: Man kann diese Arbeit nämlich immer nur ein paar Stunden am Stück machen, danach werden die Arme zu lahm.

die handgesteppten Einzelteile

Hier habe ich einen Ärmel bereits fertig mit der Maschine gesteppt.Man sieht: Die Vorsteppung hat funktioniert und trotz des extrem dicken Sandwiches (schaut, wie dunkel die Schatten sind!) sind keine Falten hereingekommen, alles sieht sehr ordentlich aus.

Ein Armteil mit durchgesteppten Nähten

Da man so ein dickes Stoffsandwich natürlich nicht zum Säumen umschlagen kann, kommt noch ein Abschluss dran: Eine Art ‘Borte’ aus dem gleichen Stoff, innen wie außen invers aufgenäht, so, dass keine Stoffkante mehr herausschaut.

fertiges Armteil mit Steppnähten und Abschluss

Hier sieht man den fertig gesteppten Vorderteil, allerdings habe ich hier noch keinen Abschluss angebracht, weil erstens die Schlitze in der Mitte auch gesäumt werden müssen und zweitens ich gerade in diesem Moment festgestellt habe, dass der Einsprung durch die Steppung und das dicke Vlies so groß geworden ist, dass hier noch Seitengeren dran müssen.

fertiges Vorderteil mit durchgesteppten Nähten

Zwei Wochen später habe ich dann die Geren auch ordentlich gesteppt, zugeschnitten und angenäht. Auch der Kragen ist schon fertig und angenäht, man kann hier erkennen, dass der Schlitzbeleg aus einem anderen, etwas dunklerem Stoffsandwich ist: Ich habe hier lieber einen Leinenstoff verwendet, den ich noch da hatte, als noch mal ein Sandwich aus dem Bauernleinen zu machen, weil dies schon recht knapp wurde und ich mir nicht sicher war, ob das noch für alle Borten reichen würde. Außerdem ist dieser Stoff viel weicher als das Bauernleinen und trägt daher nicht halb so stark auf (das ist schon wichtig, wenn zwei Stoffsandwiches übereinander zu liegen kommen).

Gambeson, halbfertig, von vorn

Wenn der Kragen zugeschnürt ist, kann man nur noch an einer ganz kleinen Stelle den Schlitzbeleg sehen:

zugeschnürter Kragen

Hier begann der Gambeson dann wirklich, etwas mühsam zu werden, dann ich musste feststellen, dass es absolut unmöglich war, die Seitennähte mit der Nähmaschine zu schließen, die dicken Stoffvliese passten einfach beim besten Willen nicht darunter.

Nach mehrstündigen, dickköpfigen Versuchen und dem Verbrauch eines ganzen Päckchens Nähmaschinennadeln habe ich dann aufgegeben und mit der Hand genäht.

Nicht, dass das wirklich leichter war, aber zumindestens war es möglich.

Mit gewöhnlichem Nähmaschinennähgarn nähen zu wollen, stand außer Frage, das ist viel zu dünn, um damit die Stiche festziehen zu können.

Also habe ich unverzwirntes Leinen-Handnähgarn verwendet, das ich normalerweise für handgenähte Unterwäsche oder Futter verwende.

Ich habe es doppelt genommen und stark eingewachst, aber auch so war es ein Sysyphos-Unternehmen: Für alle drei Stiche, die ich machen und ordentlich festziehen konnte, riss mir einmal der Faden und ständig durfte ich von vorne anfangen.

Handnähte

Gambeson, halbfertig, von hinten

Aber irgendwann, nach wer-zählt-schon-wie-vielen Arbeitsstunden, war dann alles fertig, und, wie bestellt, gab es nur wenige Tage darauf hier die erste richtige Sonne, so, dass sich ein Photoshooting lohnte:

fertiger Gambeson von hinten

fertiger Gambeson von vorne

fertiger Gambeson von der Seite

Detail Vorderschlitz

Unterarmdetail mit eingesetzter Raute

Detail Unterarmgere

Detail Saum mit eingesetzter Seitengere

Detail Ärmel mit Abschluss

Hier kann man sehr schön die handgestochenen Nestellöcher erkennen: Was normalerweise bei mir 5 Minuten pro Loch dauert, hat diesesmal fast eine halbe Stunde und jede Menge creative Flüche in Anspruch genommen.

Erwähnte ich, dass der Gambi fast 4 Kilo(!) wiegt?

Detail Kragenöffnung mit Nestellöchern und Lederbandschnürung

Hier sieht man noch mal schön den Stoffeinsatz unter der Achsel: Eine Raute wird hier eingenäht und sorgt für etwas mehr Bewegungsfreiheit in den Schultern. Außerdem liegt der Stoff hier einzeln (kein Wollvlies, nur eine Lage Stoff), so, dass mit viel Optimismus hier vielleicht ein bisschen Luft durchkommen kann.

Nahaufnahme Achselgere

Hier sieht man noch mal sehr gut, wie dick die Steppung ist. Schaut nur, was die einzelnen Rippen für einen Schatten werfen!

Nahaufnahme Kragensteppung

Hier sieht man die vielen kleinen Handstiche, mit denen die Borten/Abschlüsse festgemacht sind:

Nahaufnahme Saumborte

 

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This entry was posted on Wednesday, April 14th, 2010 at 18:20 and is filed under Mittelalter-Manufaktur. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can skip to the end and leave a response. Pinging is currently not allowed.

One comment

Eike
 1 

Sieht sehr schön aus. Ich weiß, dass dieser Eintrag schon älter ist, aber ich finde Lob kann nie zu spät kommen. Ich die Fotos sehr inspirierend, da ich mich demnächst auch an einen Gambeson trauen werde.
Vielen Dank fürs teilen!

November 25th, 2014 at 10:23

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