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Genauso wie Ziegenschädel, schwarze Kerzen und Molchaugen unbedingt nötig sind zum Beschwören von Dämonen, gibt es ein paar Dinge, die die Probe beim Nähen von Gewandung erleichtern. Dieser Post ist ursprünglich Teil einer Näh-Anleitung für ein Paar Thorwaler Hosen gewesen, aber ich habe mir gedacht, dass es vielleicht ganz praktisch wäre, ihn noch mal einzeln zu posten, sozusagen zum Nachschlagen, was man als Grundausrüstung so braucht, um sich seine Gewandung selbst zu nähen:

Nähparaphernalien

Nähparaphernalien

Um die Sachen so zu nähen, wie ich es hier beschreibe, benötigt ihr neben Stoff und Nähnadeln noch ein paar Paraphernalien:

  1. Schneiderschere
    eine große, scharfe Schere. Wenn ihr eine neu kauft, lasst euch nicht so’n Quatsch mit Sägeschneiden aufschwätzen. In einem guten Messergeschäft kostet eine große Schneiderschere, die ihr ein Leben lang nachschärfen könnt, um die 30,-
  2. Bügeleisen und Bügelbrett
    Nix besonderes. Das Eisen muss heiß werden und so regulierbar sein, dass ihr auch mal Synthetics bügeln könnt, ohne sie zu schmelzen. Wer kein Bügelbrett hat oder keinen Platz für eines, kann auch ein dickes Handtuch auf einen (unempfindlichen) Tisch legen.
  3. Schnittmusterpapier
    Man kann im Schneiderbedarf extra Schnittmusterpapier kaufen,das sehr leicht ist und halbdurchsichtig, so, dass man damit fertige Muster aus Zeitschriften o.ä. kopieren kann (3,- bis 4,-). Eine Rolle Packpapier erfüllt für uns den gleichen Zweck, genaugenommen jeder Papierbogen, der glatt genug und groß genug ist. Wer also noch etwas rumliegen hat, muss sich nicht extra Schnittmusterpapier kaufen.
  4. Bleistift und Radiergummi
    Ebendiese. Wer gekauftes Schnittmusterpapier verwendet, ist mit einem weichen Bleistift und weichen Radiergummi besser beraten, weil das Papier leicht reißt.
  5. Maßband
    Prinzipiell tut’s das für 1,- aus der Grabbelecke im großen Supermarkt. Leichter handzuhaben sind diese, bei denen jeder Dezimeter unterschiedlich eingefärbt ist. Richtig doof sind die, die auf beiden Seiten gegengleich beschriftet sind. So mancher Messfehler geht auf diese Maßbänder zurück.
  6. Schneiderkreide
    ist eine feste Kreide, deren bunter Staub sich aus den meisten Stoffen rückstandslos auswaschen lässt. (kostet ca 1.-) So lange wir alle Markierungen ausschließlich auf der Rückseite machen, tut’s aber auch ein weicher Bleistift oder sogar ein Kugelschreiber, das sieht später sowieso niemand mehr.
  7. Stecknadeln
    Wer immer genau darauf achtet, die Nadeln nicht zu übernähen und gestecktes Nähgut nicht rumliegen lässt, kann die billigen nehmen. Wer damit rechnet, dass zusammengesteckte Sachen schon mal ein paar Wochen rumliegen, bevor sie fertig genäht werden, nimmt lieber teurere (im Schneidergeschäft beraten lassen), da die superbilligen oft Flugrost ansetzen.
  8. Nähgarn
    Wer am Nähgarn spart, kauft sich Ärger ein. Ich persönlich bevorzuge Baumwollgarn, weil ich selten mit Synthetikstoffen arbeite und daher lieber das gleiche Material für Stoff und Naht haben will. Viele kleine Stoffgeschäfte führen aber eine größere Farbauswahl nur in Synthetik, so, dass man hier vielleicht Zugeständnisse machen muss. Synthetikgarn ist allgemein etwas reißfester.
    Gütermann oder Anker sind gute Marken, von den großen Boxen mit 50 verschiedenfarbigen Rollen im Supermarkt sollte man sich lieber fernhalten.
  9. Nähmaschine
    Prinzipiell geht es auch ohne. Was die Nähmaschine nähen kann, kann man mit der Hand schon längst nähen. Aber es dauert! Weil ich davon ausgehe, dass viele LARPer ähnlich ungeduldig oder vielbeschäftigt sind wie ich, rate ich zur Nähmaschine. Wenn sie gut gepflegt ist, ist die von Oma oder Mama eine gute Wahl. Da bekommt man auch gleich eine Einweisung kostenlos dazu.
    Wer sich extra eine Nähmaschine kaufen will, der lasse sich Zeit. Geht in verschiedene Nähmaschinenläden, nehmt Stoffstückchen mit und verlangt, probezunähen. Wo ihr nicht probenähen dürft, da seid ihr schlecht beraten.  Lasst euch beraten, hört euch alles an.
    Dann schlaft darüber und überlegt, wie oft ihr die elvendröfzig Zierstiche und den Kniehebel brauchen werdet. Für die allermeisten Bedürfnisse des Anfänger-Kostümschneiders tut’s das einfachste Modell.
    Das einzigste Extra, das wirklich auch für blutige Anfänger ein wahrer Segen ist, ist der sogenannte Walking foot: Eine gewöhnliche Nähmaschine transportiert den Stoff von unten: Eine Art Sägezahnkette schiebt zwischen zwei Nadelsenkungen den Stoff en Stückchen nach vorne, damit die Nadel an der nächsten Stelle einstechen kann. Der Nähmaschinenfuß klemmt dabei den Stoff von oben fest und bewegt sich nicht. Dadurch kann es, je nach Material, schon mal zu Verschiebungen zwischen Ober- und Unterstoff kommen, die einen auch schon mal in den Wahnsinn treiben. Der Walking foot dagegen bewegt sich mit jedem Stich mit und bewegt den Stoff gleichzeitig mit dem Untertransport. Viele Nähmaschinen kommen heutzutage schon gleich mit Walking foot, aber häufig sind das die, die auch noch die zweitausend Zierstiche und den Kniehebel haben. Da fährt man meist besser damit, den Fuß einzeln nachzukaufen.
 

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Herzlich willkommen zu meiner Reihe Kostümumsetzung für Anfänger!

Im ersten Teil der Reihe geht es um den Thorwaler, einen archetypischen Seefahrer mit rauhbeinigen Sitten, einem benahe demokratischen Gesellschaftssystem und einer Vorliebe für Vergorenes.

Legenden von Thorwal ist einer meiner liebsten Cons, weil dies immer ein entspannter Feiercon ist, der inzwischen auch eine hübsche Anzahl Kinder jeden Alters aufweist und auf dem die meisten Anwesenden stets bemüht sind, einen weiten Bogen um den Plot zu machen und einfach nur ihren Charakter auszuspielen. Ich liebe die entspannte Atmosphäre dort!

Was ich weniger liebe, ist die immer wieder aufkommende Kontroverse um zu wenig Thorwaler in Thorwal, die dann auch noch schlecht gekleidet sind.

Daher, ohne weitere lange Vorrede, look at this pretty picture!

Was wir hier haben, ist der Standard-Thorwaler: Seefahrer, muskulös, dem Alkohole zuneigend, wettergegerbt. Prinzipiell gibt es den gleichen Archetyp auch in weiblich, ich persönlich würde aber die Kostümierung hierfür nicht variieren, denn wer zur See fährt, in Segeln herumklettert, kämpft oder auch mal über Bord geht, der will sicherlich Hosen tragen und keine Röcke.

Also, was haben wir hier?

Unser archetypscher Thorwaler trägt eine gestreifte Hose, hohe weiche Stiefel, eine Krötenhaut und eine Art lange Fellweste.

 

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5
Nov

Messerscheide

   Posted by: jea    in Mittelalter-Manufaktur

 

Hier kommt eine Foto-Love-Story über den Bau einer einfachen Messerscheide zum Befestigen am Gürtel.

Die Messerklinge ist handgeschmiedet, die Griffschalen sind aus Hirschhorn gefertigt.

handgeschmiedetes Messer mit Hirschhorngriff

Zunächst wird für den Bau einer Scheide ein Schnittmuster benötigt. Dabei muss berücksichtigt werden, dass das zu verwendende Leder sich beim Trocknen zusammenzieht, und dass es durch das Zusammenrollen ‘aufträgt’, also ebenfalls an Umfang (speziell auf den Innenseite) verliert. Das Schnittmuster sollte also so groß berechnet sein, dass die zukünftige Nahtlinie ein bisschen ‘Luft lässt’ für diesen Effekt. Da das Messer direkt am Gürtel getragen werden soll, wurden am Griff zusätzliche Stücke eingeplant, durch die der Gürtel laufen kann.

Schnittmuster für Scheide

Das Leder für Messerscheiden ist ein vegetabil gegerbtes Rinderhalsvollleder mit Spies (Spieß?)

Der Ausruck ‘mit Spieß’ bedeutet, dass das Leder nicht vollkommen durchgegerbt ist. Das macht es nass sehr formbar und trocken sehr hart (man vergleiche Rohhaut). Genau die Eigenschaften, die für eine Messerscheide vonnöten sind.

Scheidenleder

Hier sieht man eine Auswahl der verwendeten Lederwerkzeuge und Materialien.

  • In der Mitte steht eine große Rolle gepichter Leinendraht. Es handelt sich hier um ein 6-fach verzwirntes Leinengarn, das in Schusterpech getränkt ist. Das macht den Faden leicht klebrig und wasserabweisend.
  • Auf der Rolle liegen zwei Metallborsten. Das sind dünne, flexible Drahtstücke, die zu einer Öse gebogen und verlötet wurden. Nur mit solchen Werkzeugen (oder ihrem mittelalterlichen Vorbild, Wildschweinborsten), kann man den Nähfaden durch gebogene Löcher ziehen, so wie es für eine Stoßnaht nötig ist.
  • Oben rechts ist eine Heavy-Duty Lochzange. Mit ihr mache ich die Löcher, die ich für die Gürtelschlaufe brauche. Näher am mittelalterlichen Original wären Lochpfeifen, die mit einem Hammer durchgetrieben werden, aber die Übersetzungszange ist leichter für meine kleinen Hände.
  • Das Werkzeug darunter ist ein Entgrater. Es gibt sie in verschiedenen Größen, und sie sind dazu da, aus einer 90° Schnittkante zwei 45°er zu machen. Das sieht sauberer aus, außerdem ist es manchmal, beim Vernähen zweier Lederschichten übereinander, hilfreich, weniger Material am Rand zu haben.
  • Darunter ist ein Ahlenheft und zwei verschiedene Ahlen: Eine gerade Rundahle und eine gebogene Sattlerahle.
  • Links neben den Ahlen ist ein Stückchen Bienenwachs: Besonders für Nähte in nassem Leder ist es wichtig, die Ahle vor jedem (!) Stich einzuwachsen, damit sich das Loch sich nicht schneller zuzieht, als man die Fäden durchziehen kann.
  • Das Werkzeug darüber ist dazu gedacht, eine Rille parallel zum Schnittrand zu ziehen. Darin kann man den Nähfaden versenken, sieht sehr sauber aus.
  • Schließlich kommen noch die Schneidwerkzeuge, ein normaler Cutter und ein Rollschneider. Wer sich jemals gefragt hat, warum die Schuster im MA Halbmondmesser benutzt haben, sollte mal einen Rollschneider ausprobieren: Die Schnitte werden viel sauberer, wenn immer ein frisches Stückchen Klinge mit dem Leder in Kontakt kommt.

verwendete Lederwerkzeuge

Um das Spieß-Leder verarbeiten zu können, muss es zunächst in kaltem (!) Wasser eingeweicht werden. Dann kann man das Schnittmuster anzeichnen, indem man es auf der Fleischseite mit einer Ahle einritzt.

eingeweichtes Leder

So sieht dann die fertig zugeschnittene Scheide aus:

zugeschnittenes Leder

Auf der Hautseite werden dann mit einem Linienzieher die zukünftigen Nahtlinien markiert.

Markieren der Nahtlinien

Für gleichgroße Stiche werden diese auf den eingedrückten Linien mit einem Rädelrad markiert.

Markieren der Stiche mit Rädelrad

Damit sich das Leder im Bereich der Klinge leichter biegen lässt und nicht so stark aufträgt, dünne ich es mit einem Lederhobel ein wenig aus. Das erfordert Fingerspitzengefühl: Zu wenig ausgedünnt, und es bringt nichts; zu viel, und das Leder wird so dünn, dass die Klinge beim Ziehen durchschneidet.

Ausdünnen des Leders

Jatzt werden die Schnittränder entgratet. Wie schon zuvor bemerkt, sorgt das u.A. dafür, dass das Leder im Bereich der Naht nicht zu sehr aufträgt.

Entgraten des Nährandes

Hier noch mal ein Blick auf die verschiedenen Ahlen: Man sieht gerade Rundahlen, gebogene Sattlerahlen, und diamantförmige Schwertahlen.

verschiedene Ahlen

Hier eine Nahaufnahme des Leinendrahtes. Durch das 6-fache Verzwirnen ist er besonders haltbar.

gepichter Leinendraht

Obwohl der Draht bereits gepicht ist, reibe ich ihn noch zusätzlich mit Bienenwachs ein. Das sorgt dafür, dass der Faden a) noch wasserabweisender wird und b) in den Löchern klebt, was die Naht wasserundurchlässiger macht.

Wachsen des Drahtes mit Bienenwachs

An beiden Enden des Nähfadens werden jetzt Borsten befestigt. So kann ich einen Sattlerstich nähen, indem zwei gegenseitig versetzte Nähte gleichzeitig durch die Ahlenlöcher gezogen werden. Scheuert jetzt an einer Stelle ein Nähfaden durch, ist noch der Gegenfaden da, der die Naht auch alleine zusammenhalten kann.

Draht eingefädelt in Metallborsten

Wie schon erwähnt, muss die Ahle vor jedem (!) einzelnen (!) Stich gewachst werden.

Wachsen der Ahle

Hier sieht man, wozu man die gebogene Sattlerahle braucht: Die Ahle wird auf der Hautseite eingestochen, durch die Schnittkante nach draußen geführt, dann auf der Schnittkante der Gegenseite wieder eingestochen und auf der Hautseite der Gegenseite schließlich wieder nach draußen geführt.

Ahlen mit Sattlerahle für Stoßnaht

Hier ist eine Nahaufnahme der Schnittkante mit den Sattlerahlenlöchern

Sattlerahlenlöcher von der Schnittseite

Durch diese vier Löcher wird jetzt die Borste mit dem Nähfaden geführt. Klar, dass eine steife Nadel diesen Job nicht machen könnte.

Durchfädeln der Borsten

Dann wird von der Gegenseite der Gegenfaden durch genau die gleich Löcher geführt und schließlich festgezogen: Ein Sattlerstich.

Sattlerstich

Für den oberen Bereich der Scheide, wo die Klinge endet, will ich keine Stoßnaht mehr, hier sollen die beiden Lederteile flach aufeinander liegen und durchgenäht werden. Für eine Durchnaht brauche ich die gerade Rundahle und ich steche auf der Hautseite ein und gerade auf der Fleischseite wieder heraus.

Ahlen mit Rundahle für Durchnaht

So sieht dann die Naht (immer noch eine Sattlernaht) als Durchnaht im Griffbereich aus.

In dem ‘Fach’, das durch die Stiche eingerahmt wird, arbeite ich die Gürtelschlaufe ein: Zunächst loche ich zwei Löcher in ca. 3 cm, die ich durch gerade Schnitte verbinde. Für einen saubereren Look entgrate ich dann noch die Schnittkanten.

Durchnaht im Sattlerstich

Jetzt kommt das Messer wieder in die noch feuchte Scheide und das Leder wird auf dem Messer trocknen gelassen.

Wenn das Leder ganz trocken ist, wird es wieder knallhart, und jetzt hat es genau die Form der Messerklinge angenommen. Man kann das Messer mit wenig Widerstand ziehen, und es fällt auf keinen Fall von selbst heraus.
Die Scheide passt jetzt ganz genau auf dieses eine Messer, in einer Richtung, und es ist wichtig, dies zu berücksichtigen und nicht z.B. das Messer gegen den Widerstand der Scheide verkehrt herum hineinzuzwängen. Davon kann die Scheide kaputt gehen, z.B. spitze Messerorte können sich durch das Scheidenleder bohren.

Selbstverständlich fertige ich auch für Kunden Messerscheiden an, direkt auf euer Messer geformt, wenn ihr es mir zuschickt. Einfache Messerscheiden kosten ab 30,- inklusive Leder, Scheiden für große Messer und verzierte Scheiden sind teurer.

 

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