Posts Tagged ‘Anleitung’

5
Nov

Messerscheide

   Posted by: jea    in Mittelalter-Manufaktur

 

Hier kommt eine Foto-Love-Story über den Bau einer einfachen Messerscheide zum Befestigen am Gürtel.

Die Messerklinge ist handgeschmiedet, die Griffschalen sind aus Hirschhorn gefertigt.

handgeschmiedetes Messer mit Hirschhorngriff

Zunächst wird für den Bau einer Scheide ein Schnittmuster benötigt. Dabei muss berücksichtigt werden, dass das zu verwendende Leder sich beim Trocknen zusammenzieht, und dass es durch das Zusammenrollen ‘aufträgt’, also ebenfalls an Umfang (speziell auf den Innenseite) verliert. Das Schnittmuster sollte also so groß berechnet sein, dass die zukünftige Nahtlinie ein bisschen ‘Luft lässt’ für diesen Effekt. Da das Messer direkt am Gürtel getragen werden soll, wurden am Griff zusätzliche Stücke eingeplant, durch die der Gürtel laufen kann.

Schnittmuster für Scheide

Das Leder für Messerscheiden ist ein vegetabil gegerbtes Rinderhalsvollleder mit Spies (Spieß?)

Der Ausruck ‘mit Spieß’ bedeutet, dass das Leder nicht vollkommen durchgegerbt ist. Das macht es nass sehr formbar und trocken sehr hart (man vergleiche Rohhaut). Genau die Eigenschaften, die für eine Messerscheide vonnöten sind.

Scheidenleder

Hier sieht man eine Auswahl der verwendeten Lederwerkzeuge und Materialien.

  • In der Mitte steht eine große Rolle gepichter Leinendraht. Es handelt sich hier um ein 6-fach verzwirntes Leinengarn, das in Schusterpech getränkt ist. Das macht den Faden leicht klebrig und wasserabweisend.
  • Auf der Rolle liegen zwei Metallborsten. Das sind dünne, flexible Drahtstücke, die zu einer Öse gebogen und verlötet wurden. Nur mit solchen Werkzeugen (oder ihrem mittelalterlichen Vorbild, Wildschweinborsten), kann man den Nähfaden durch gebogene Löcher ziehen, so wie es für eine Stoßnaht nötig ist.
  • Oben rechts ist eine Heavy-Duty Lochzange. Mit ihr mache ich die Löcher, die ich für die Gürtelschlaufe brauche. Näher am mittelalterlichen Original wären Lochpfeifen, die mit einem Hammer durchgetrieben werden, aber die Übersetzungszange ist leichter für meine kleinen Hände.
  • Das Werkzeug darunter ist ein Entgrater. Es gibt sie in verschiedenen Größen, und sie sind dazu da, aus einer 90° Schnittkante zwei 45°er zu machen. Das sieht sauberer aus, außerdem ist es manchmal, beim Vernähen zweier Lederschichten übereinander, hilfreich, weniger Material am Rand zu haben.
  • Darunter ist ein Ahlenheft und zwei verschiedene Ahlen: Eine gerade Rundahle und eine gebogene Sattlerahle.
  • Links neben den Ahlen ist ein Stückchen Bienenwachs: Besonders für Nähte in nassem Leder ist es wichtig, die Ahle vor jedem (!) Stich einzuwachsen, damit sich das Loch sich nicht schneller zuzieht, als man die Fäden durchziehen kann.
  • Das Werkzeug darüber ist dazu gedacht, eine Rille parallel zum Schnittrand zu ziehen. Darin kann man den Nähfaden versenken, sieht sehr sauber aus.
  • Schließlich kommen noch die Schneidwerkzeuge, ein normaler Cutter und ein Rollschneider. Wer sich jemals gefragt hat, warum die Schuster im MA Halbmondmesser benutzt haben, sollte mal einen Rollschneider ausprobieren: Die Schnitte werden viel sauberer, wenn immer ein frisches Stückchen Klinge mit dem Leder in Kontakt kommt.

verwendete Lederwerkzeuge

Um das Spieß-Leder verarbeiten zu können, muss es zunächst in kaltem (!) Wasser eingeweicht werden. Dann kann man das Schnittmuster anzeichnen, indem man es auf der Fleischseite mit einer Ahle einritzt.

eingeweichtes Leder

So sieht dann die fertig zugeschnittene Scheide aus:

zugeschnittenes Leder

Auf der Hautseite werden dann mit einem Linienzieher die zukünftigen Nahtlinien markiert.

Markieren der Nahtlinien

Für gleichgroße Stiche werden diese auf den eingedrückten Linien mit einem Rädelrad markiert.

Markieren der Stiche mit Rädelrad

Damit sich das Leder im Bereich der Klinge leichter biegen lässt und nicht so stark aufträgt, dünne ich es mit einem Lederhobel ein wenig aus. Das erfordert Fingerspitzengefühl: Zu wenig ausgedünnt, und es bringt nichts; zu viel, und das Leder wird so dünn, dass die Klinge beim Ziehen durchschneidet.

Ausdünnen des Leders

Jatzt werden die Schnittränder entgratet. Wie schon zuvor bemerkt, sorgt das u.A. dafür, dass das Leder im Bereich der Naht nicht zu sehr aufträgt.

Entgraten des Nährandes

Hier noch mal ein Blick auf die verschiedenen Ahlen: Man sieht gerade Rundahlen, gebogene Sattlerahlen, und diamantförmige Schwertahlen.

verschiedene Ahlen

Hier eine Nahaufnahme des Leinendrahtes. Durch das 6-fache Verzwirnen ist er besonders haltbar.

gepichter Leinendraht

Obwohl der Draht bereits gepicht ist, reibe ich ihn noch zusätzlich mit Bienenwachs ein. Das sorgt dafür, dass der Faden a) noch wasserabweisender wird und b) in den Löchern klebt, was die Naht wasserundurchlässiger macht.

Wachsen des Drahtes mit Bienenwachs

An beiden Enden des Nähfadens werden jetzt Borsten befestigt. So kann ich einen Sattlerstich nähen, indem zwei gegenseitig versetzte Nähte gleichzeitig durch die Ahlenlöcher gezogen werden. Scheuert jetzt an einer Stelle ein Nähfaden durch, ist noch der Gegenfaden da, der die Naht auch alleine zusammenhalten kann.

Draht eingefädelt in Metallborsten

Wie schon erwähnt, muss die Ahle vor jedem (!) einzelnen (!) Stich gewachst werden.

Wachsen der Ahle

Hier sieht man, wozu man die gebogene Sattlerahle braucht: Die Ahle wird auf der Hautseite eingestochen, durch die Schnittkante nach draußen geführt, dann auf der Schnittkante der Gegenseite wieder eingestochen und auf der Hautseite der Gegenseite schließlich wieder nach draußen geführt.

Ahlen mit Sattlerahle für Stoßnaht

Hier ist eine Nahaufnahme der Schnittkante mit den Sattlerahlenlöchern

Sattlerahlenlöcher von der Schnittseite

Durch diese vier Löcher wird jetzt die Borste mit dem Nähfaden geführt. Klar, dass eine steife Nadel diesen Job nicht machen könnte.

Durchfädeln der Borsten

Dann wird von der Gegenseite der Gegenfaden durch genau die gleich Löcher geführt und schließlich festgezogen: Ein Sattlerstich.

Sattlerstich

Für den oberen Bereich der Scheide, wo die Klinge endet, will ich keine Stoßnaht mehr, hier sollen die beiden Lederteile flach aufeinander liegen und durchgenäht werden. Für eine Durchnaht brauche ich die gerade Rundahle und ich steche auf der Hautseite ein und gerade auf der Fleischseite wieder heraus.

Ahlen mit Rundahle für Durchnaht

So sieht dann die Naht (immer noch eine Sattlernaht) als Durchnaht im Griffbereich aus.

In dem ‘Fach’, das durch die Stiche eingerahmt wird, arbeite ich die Gürtelschlaufe ein: Zunächst loche ich zwei Löcher in ca. 3 cm, die ich durch gerade Schnitte verbinde. Für einen saubereren Look entgrate ich dann noch die Schnittkanten.

Durchnaht im Sattlerstich

Jetzt kommt das Messer wieder in die noch feuchte Scheide und das Leder wird auf dem Messer trocknen gelassen.

Wenn das Leder ganz trocken ist, wird es wieder knallhart, und jetzt hat es genau die Form der Messerklinge angenommen. Man kann das Messer mit wenig Widerstand ziehen, und es fällt auf keinen Fall von selbst heraus.
Die Scheide passt jetzt ganz genau auf dieses eine Messer, in einer Richtung, und es ist wichtig, dies zu berücksichtigen und nicht z.B. das Messer gegen den Widerstand der Scheide verkehrt herum hineinzuzwängen. Davon kann die Scheide kaputt gehen, z.B. spitze Messerorte können sich durch das Scheidenleder bohren.

Selbstverständlich fertige ich auch für Kunden Messerscheiden an, direkt auf euer Messer geformt, wenn ihr es mir zuschickt. Einfache Messerscheiden kosten ab 30,- inklusive Leder, Scheiden für große Messer und verzierte Scheiden sind teurer.

 

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23
Apr

Nestellöcher nähen

   Posted by: jea    in Mittelalter-Manufaktur

 

An dieser Stelle noch einmal, zum leichteren Wiederfinden, die Anleitung für Nestellöcher, am Beispiel eines Paars Damenstrümpfe.

Der Post ist genau der gleiche wie in dem Nähkurs Damenstrümpfe, ich habe den Teil nur noch mal ausgekoppelt, damit er leichter zu finden ist.

Für Nestellöcher brauchen wir ein passendes Garn, für Wollstoff möglichst ein Wollgarn, für Leinen ein möglichst dickes Leinengarn oder -zwirn, eine lange Nähnadel und eine Nähahle (ein chinesisches Stäbchen, das ihr im Bleistiftanspitzer geschärft habt).

Nadel und leicht gewachstes Wollgarn.
Einfache Nähahle aus einem Stückchen Holz.
einfache Nähahle aus einem Stückchen Holz.

Fädelt den Faden in die Nadel (wenn das Garn sehr dünn ist, nehmt es doppelt) und legt die eingefädelte Nadel bereit (Wenn der Faden sehr fransig isr, hilft ein bisschen Wachs). Jetzt nehmt einen Strumpf in die Hand und auf der Außenseite, nahe der Naht, bohrt vorsichtig mit der Ahle ein Loch in die äußere Stoffschicht (und nur in diese!)

Das Loch wird vorsichtig gebohrt.

Dreht die Ahle ein wenig hin und her, bis sie sich leicht im Loch dreht, dann zieht sie vorsichtig heraus, so, dass ein Loch zurückbleibt.

Das Loch, nachdem die Ahle herausgezogen wurde.

(Versucht dabei, keine Fäden durchzureißen, weil das leicht zu einem späteren Ausreißen der Löcher führen kann)

Jetzt nehmt die Nadel in die Hand, führt die Spitze durch das Loch in den schmalen Kanal, den der Saum bildet und kommt ca 0,5 bis 1cm vom Rand des Lochs entfernt wieder heraus.

Nadel einstechen

Zieht den Faden vorsichtig fest und wiederholt die Aktion , nur diesesmal kommt ein Stückchen neben dem alten Stich heraus.

Zweiter Einstich.

Legt jetzt den Faden um die Nadel herum, so, dass eine Schlaufe entsteht.

Fadenschlaufe

Vorsichtig festziehen. Das Ganze wiederholt ihr immer wieder und beschreibt dabei einen möglichst runden Kreis um das Loch herum.

Einmal im Kreis herum

Jetzt sieht das Loch schon richtig schick aus, aber zum besseren Halt wiederholt ihr das Ganze noch einmal und beschreibt noch einen zweiten Kreis, wobei ihr darauf achtet, möglichst immer in die Mitte zwischen zwei alten Stichen zu stechen. Vernäht den Faden mit ein bis drei Stichen durch das gerade gebildete Nestelloch, dann schneidet ihn ab.

Doppelt hält besser.

Jetzt habt ihr ein richtig schickes Nestelloch, das euch erlaubt, ein Band in den schmalen Tunnel zu führen, der von dem Saum gebildet wird.

Damit das mit dem Schnüren auch richtig funktioniert, macht ihr jetzt noch ein zweites Nestelloch auf der anderen Seite der Hinternaht und wiederholt schließlich die Aktion am anderen Strumpf.

Zwei fertige Nestellöcher, schon mit Durchzugsband

Fertig.

 

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20
Apr

Fingerschlaufen-Bänder

   Posted by: jea    in Mittelalter-Manufaktur

 

Hier kommt noch mal in einem Einzelpost die Anleitung für die supereinfachen, superauthentischen Fingerschlaufenbänder.

Die Beschreibung ist genau die gleiche wie die in dem Nähkurs Damenstrümpfe, es lohnt sich also nicht, hier zu lesen, wenn ihr den anderen Post schon durchgelesen habt:

Ich webe am liebsten mit Türklinken, die sind auf der richtigen Höhe, fast überall verfügbar und das fertige Band lässt sich leicht abstreifen. Wenn Ihr gerade keine Türklinke in der Nähe habt, müsst ihr improvisieren: Sucht euch einen Haken, einen krummen Nagel, einen Regalvorsprung, einfach irgendetwas, an dem ihr etwa eine halbe Stunde lang eure Fäden aufhängen könnt.

Hier dient ein Geländer als Aufhängung für die Schlaufen.

Nehmt jetzt das Garn und beginnt damit, es um die Türklinke zu wickeln , haltet dabei ungefähr den Abstand ein, den das fertige Band am Ende haben soll. Macht 5 Schlaufen, und verknotet Anfang und Ende des Bandes miteinander. Arbeitet sehr sorgfältig, damit die einzelnen Schlaufen sich nicht verheddern.

Die Schlaufen werden aufgenommen.

So sollten die Schlaufen aussehen

Streift jetzt zwei Schlaufen über Mittel-und Ringfinger der rechten Hand, die anderen über Zeigefinger, Mittelfinger und Ringfinger der linken Hand. Breitet die Arme weit auseinander, damit die Schlingen sich voneinander lösen.

Verteilung der Schlaufen: 3 auf der linken und 2 auf der rechten Hand.

Mit dem freien Zeigefinger der rechte Hand nehmt jetzt die untere Schlaufe der linken Hand (die auf dem Ringfinger) auf. Die Schlaufe sollte jetzt nicht mehr auf dem Ringfinger der linken, sondern auf dem Zeigefinger der rechten Hand liegen.

Der rechte Zeigefinger greift in die linke Ringfinger-Schlaufe...

...und übernimmt sie. Die Schlaufe liegt jetzt auf dem rechten Zeigefinger.

Gebt mit der linken Hand die Schlaufe des Mittelfingers auf den Ringfinger und die des Zeigefingers auf den Mittelfinger, so, dass der Zeigefinger frei wird.

Der linke Ringfinger greift jetzt in die linke Mittelfinger-Schlaufe...

...und übernimmt sie.

Der linke Mittelfinger greift in die linke Zeigefinger-Schlaufe...

...und übernimmt sie. Der linke Zeigefinger ist jetzt frei.

...und übernimmt sie. Der linke Zeigefinger ist jetzt frei.

Breitet wieder weit die Arme auseinander, damit die Schlaufen sich voneinander lösen. Ganz am entfernten Ende, an der Türklinge haben sie sich jetzt überkreuzt.

Die Arme werden ausgebreitet, um die Schlingen voneinander zu lösen.

Die Fäden haben sich hier überkreuzt.

Nehmt nun wiederum mit dem freien Zeigefinger der linken Hand die unterste Schlaufe (Ringfinger) der rechte Hand auf, und an der rechten Hand, die nunmehr nur noch zwei Schlaufen habt, reicht die Schlaufen jeweils zum nächstunteren Finger. Arme weit machen.

Das ganze Spiel wiederholt ihr jetzt, ja nach Wunschlänge des Bandes und Dicke des Garns so ein- bis vierhundertmal. Das geht schneller, als man denkt, am Anfang braucht ihr so um eine halbe Stunde für ein Band, wenn ihr den Dreh raus habt, nur noch zehn Minuten.

Ihr werdet bald sehen, dass dich an der Türklinge die Fäden miteinander verschlingen und so ein Band bilden.

Das Band bildet sich.

Webt, so lange es geht, wenn der Platz in den Schlingen nicht mehr groß genug ist fr eure Finger, seid ihr fertig.

Die Schlaufen sind jetzt zu klein, um noch weiterzuweben. Das Band ist fertig.

Macht einen Knoten ins Ende und streift das andere Ende von der Türklinge. Macht auch in das andere Ende einen Knoten und schneidet die überstehenden Enden sauber ab.

So sieht das fertige Band aus.

Solche Bänder wurden häufig verwendet: Zum Beispiel als Schuhbänder, zum Binden figurbetonter Kleidung, aber auch als Aufhängung für Almosenbeutel fanden sie Verwendung.

Für alle, die sich immer noch nicht so richtig vorstellen können, welche Schritte in welcher Reihenfolge gemacht werden müssen, habe ich noch ein kleines Video gemacht. Ich habe versucht, meine Hände ganz langsam und überdeutlich zu bewegen; ich glaube, man kann ganz gut sehen, wie die Schlaufen zwischen den Fingern hin und her wandern.

Wenn ihr die Technik erst einmal drauf habt, werdet ihr übrigens sehr viel schneller weben. Mit meiner normalen Geschwindigkeit hätte man nur auf dem Video nichts mehr erkennen können.

Wenn ihr die Grundtechnik beherrscht, könnt ihr damit spielen: Benutzt verschiedenfarbige Fäden für die Schlaufen und seht zu, wie sich Muster bilden.

Oder nehmt mehr als fünf Bänder. Das dickste Band, das ich mal gewebt habe, hatte elf Schlaufen. Dafür braucht man zwei Leute, viel Platz und sehr viel Konzentration!

 

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