Posts Tagged ‘Gewandung’

 

Hier kommt mal ein Post für alle, die sich unter Ausmessen und Vorschnitten etc. nicht so recht was vorstellen können.

Er beschreibt, wie eine Gewandung von Anfang an entsteht.

Am Anfang jeder Gewandung steht immer die Idee: Was soll es sein, was soll dargestellt werden?

Ralf wollte gerne eine Gewandung, mit der als Darsteller des reicheren Bürgertums im 13. Jahrhundert mit seiner MA-Gruppe auf Lager fahren konnte. Ihm schwebte ein langes Gewand vor, außerdem ein Mantel und eine passende Kapuze.

Wir haben das besprochen und einige Bilder angeschaut und sind schließlich auf folgendes hinausgekommen:

-1 Paar hochmittelalterliche Beinlinge (die Bruche dazu bekommt er von einem Freund)

-1 Cotta mit einem Rundhalsausschnitt und Stehkragen und an den Unterarmen schmal geschnittenen Ärmeln, die mit Knöpfen körpereng gehalten werden

-1 Gardecorps, mit Quetschfältchen an den Schultern und weiten Scheinärmeln, ohne Kapuze, mit einem Schlüssellochausschnitt, vorn geschlitzt

-1 passende Kapuze, in der körpernah geschnittenen Form, die später als Kukulle in die klerikale Kleidung einging, mit einem in Paspelfalten gelegten Saum

Dazu gab’s auch ein paar Skizzen.

Beinlinge und Kapuze

Cotta

Gardecorps

Dann haben wir über Stoffe geredet. Ralf wollte gerne, dass ich mich um die Beschaffung der Stoffe kümmere, also hat er sich die Seiten von naturtuche angeschaut und die Proben angefasst, die ich hier habe.

Damit kamen wir auf folgende Stoffe:

-Für die Beinlinge: weinrote Wolle in leichter Qualität

-Für die Cotta: dunkelblaue Wolle in leichter Qualität gefüttert mit leichtem weißem Leinen

-Für Gardecorps und Kapuze: weinrote Wolle in mittlerer Qualität gefüttert mit mittlerem weißem Leinen.

Ich habe Ralf vermessen und Details wie z.B. die Kragenformen und Schlitze mit ihm besprochen, danach habe ich mich hingesetzt und ausgerechnet, wie viel von den Stoffen ich brauche.

Das Ergebnis habe ich Ralf gemailt und er hat mir die Kosten für die Stoffe als Vorkasse überwiesen.

Als die Stoffe hier waren, habe ich sie erst einmal gewaschen, so heiß, wie die einzelnen Stoffe es gerade vertrugen, damit sie gut einlaufen. Das ist wichtig, damit die Kleider nicht bei der ersten Wäsche einlaufen und dann nicht mehr passen.

Danach wurden die Stoffe getrocknet und gebügelt und die Schnittmuster entworfen.

Die Beinlinge habe ich dann aus dem Wollstoff mit viel Nahtzugabe zugeschitten, alle anderen Sachen nur aus dem Futterleinen. Zusammengenäht habe ich alles mit weiten Stichen, damit es sich leicht wieder auftrennen lässt.

Dann habe ich Ralf zur Anprobe herbestellt. Ralf musste alle Sachen anziehen und nicht zucken, während ich zum Beispiel die Beinlinge hauteng ansteckte, und sich entscheiden, wie lang der Ärmelschlitz im Mantel sein sollte und ob ihm der Kragen der Kapuze auch nicht zu eng war. Ich habe alles mit Stecknadeln abgesteckt und mir Notizen gemacht über die Änderungen, die anlagen.

Beinlinge werden hauteng angesteckt Bei den fertigen sieht man keine Falten mehr.

Der Halsausschnitt der Cotta ist zu weit. Hier verzichten wir auf den Einschnitt.  Außerdem müssen die Unterärmel passend abgesteckt werden.

Der Kragen der Kapuze wird abgesteckt, die Falten auf die passende Höhe gebracht.

Auch die Kapuze wird anprobiert

Beim Gardecorps muss die Höhe und Länge des Ärmelschlitzes ermittelt werden, außerdem die Höhe des Frontschlitzes.

Wenn das alles überstanden ist, gibt’s noch ne Tasse Tee, nen Cookie und nen Plausch und dann muss Ralf wieder warten.

Nach ein paar Wochen dann schreibe ich Ralf wieder, dass seine Sachen fertig sind und schicke schon mal ein Teaser-Foto mit. Ralf entscheidet sich, dass er die Sachen gern selbst abholen möchte, um sie noch ein letztes Mal anprobieren zu können. Wir einigen uns per mail auf einen Termin und er kommt hierher, um alles anzuprobieren.

Die blaue Cotta passt prima, sie liegt am Oberkörpe und an den Armen genau an und auch die Saumlänge passt genau.

Hier sieht man, dass nicht nur die Schlitze der Gardecorps-Ärmel passen, sondern man sieht auch, dass die blauen Cotta-Ärmel mit den Knöpfen ganz genau auf Ralfs Unterarme passen

Kapuze? Passt! Kragen? Sieht gut aus.

Auch der Schlitz im Gardecorps hat die richtige Höhe.

Was man auf den Fotos leider nicht sehen kann, ist, dass auch Ralfs Beinlinge jetzt hauteng anliegen und ganz im Sinne des hochgotischen Geschmacks die Männerwaden so richtig abbilden :-)

Ralf ist zufrieden, ich auch. Überhaupt bin ich immer erst richtig zufrieden, wenn meine Kunden es sind. Das ist schließlich mein Beruf!

Ralf bekommt jetzt von mir eine Rechnung, auf der genau die Preise stehen, die wir zuvor zusammen besprochen haben, und, natürlich wird hier die VK abgezogen, die Ralf schon geleistet hat. Ich bekomme Geld, Ralf die Rechung und die Klamotten, Tee und Kekse finden sich bestimmt auch noch, und dann fährt Ralf mit seinen neuen Klamotten zufrieden wieder nach Hause.

Und, wenn Ralf wirklich zufrieden ist, dann macht er vielleicht im Lager noch mal ein schickes Foto von sich in seinen neuen Klamotten, das er mir zur Veröffentlichung überlässt.

 

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6
Sep

Gewandung für das 13. Jahrhundert

   Posted by: jea    in Mittelalter-Manufaktur

 

Hier will ich schnell noch ein paar Worte schreiben zu der Gewandung, mit der Sven und ich dieses Jahr beim Sparrenburgfest waren:

Prinzipiell stellte die Gewandung mittelständische Leute aus dem 13. Jahrhundert in Mitteleuropa dar, allerdings mit ein paar mehr oder weniger groben Schnitzern, die vor allen Dingen darauf basieren, dass ich für meine eigenen Sachen irgendwie nie genug Zeit habe, weil ich mit Kundenaufträgen beschäftigt bin und deshalb auf Dinge zurückgreifen muss, die noch ‘rumliegen’.

Sven in Cotta

Sven trägt hier eine knielange Cotta in einem hellen Indigoblau aus einem 2-1 köpergebundenem Wollstoff.

blaue Cotta aus Wolle

Mit heimischem Waid war die Farbe damals durchaus auf Wolle zu erzielen, und auch die Webart war nicht unüblich. Allerdings ist dieser Stoff maschinengewebt und chemisch gefärbt und dann, weil ich ja nie genug Zeit habe, auch noch mit der Nähmaschine genäht. Der Schnitt ist durchaus authentisch zu nennen, so oder so ähnlich ist er jedenfalls auf Funden nachzuweisen und auch der Fall ist so wie auf den Miniaturen. Beachtet zum Beispiel die Fältchen, die sich von der Achsel zur Brust ziehen, diese sind z.B. auf den Darstellungen des Liber Manesse genauso dargestellt. Dort allerdings sind adelige Personen dargestellt, daher sind die Farbtöne, wie das Blau dort wesentlich dunkler (wofür man mehr Farbe aufwenden muss) und die Gewandlänge ist in der Regel dort knöchellang. Arbeitende Personen dagegen wurden eher mit kurzen Gewändern dargestellt, wie z.B. in der Maciejowski-Bibel, was ganz einfach mit de Praktikabilität zu tun hat. Da dieses Gewand für den Sommer gedacht ist, ist es nicht gefüttert.

Maciejowski  Bibel – David und Goliath

David trägt auf diesen Bildern eine ähnliche Cotta wie Sven, nur dass Davids Cotta hier rot ist. Man sieht gut den Schlüssllochausschnitt und die Achselfalte. Da Davids Gewand geschlitzt ist, erlaubt sie auch einen Blick auf Davids Beinlinge und Bruche. Dies ist auch ein sehr netter Beleg für die Methode, die Ärmel am Handgelenk zu schlitzen. So kann man sie zurückklappen, wenn man die Hände frei braucht – ganz wie David es hier auf drei von vier Bildern zeigt.

Darunter wurde ein einfaches Unterhemd aus Leinen getragen, das im Großen und Ganzen dem gleichen Schnittmuster folgt, aber keine Armkugeln hat. Unterhemden sollten immer so geschnitten sein, dass sie nicht unter der Oberkleidung hervorschauen, das galt als eher unschicklich und man assoziierte damit, dass die Person nicht in der Lage war, ihre Kleidung in Ordnung zu halten.

Unterhemd aus gebleichtem Leinen

Am Hals wird die Cotta mit einem Fürspan verschlossen, wie er in dieser Zeit modern war (Omega-Fibeln gehören in eine frühere Zeit).

Fürspan

Dazu trägt der Herr natürlich auch etwas auf dem Kopfe; ohne Kopfbedeckung aus dem Haus zu gehen, ist erst in der Neuzeit populär geworden. In Svens Fall ist es die unvermeidliche Bundhaube (so eine Art Unterwäsche für den Kopf) und darüber ein Pilgerhut mit einem Jakobs-Muschel-Anstecker aus Zinn.

Bundhaube aus gebleichtem Leinen

Pilgerhüte waren in der Hauptsache praktisch, von der Form am ehesten mit  Ölzeug-Regenhüten zu vergleichen. Ihr Zweck war es, vor Sonne und Regen gleichermaßen zu schützen: Dafür wurde die breite Krempe vorn hochgeschlagen und hinten heruntergeklappt, so, dass das Wasser über den Rücken ablaufen konnte. Ich habe es ausprobiert und es funktioniert wirklich gut!

Pilgerzeichen waren in iher Zeit so etwas wie ein Modeartikel, sie wurden entlang der Pilgerwege verkauft. Während die Jakobsmuschel natürlich für den Jakobsweg nach Santiago de Compostela steht, gab es noch eine Vielzahl anderer Zeichen, die häufig Berufsgruppen kennzeichneten, oder aber auch das, was man sich von der Pilgerfahrt erhoffte. Heutzutage findet man in den verschiedenen Reenactment-Shops häufig Phalli und Vulvae, die tatsächlich von Originalfunden kopiert sind. Man sollte aber beachten, dass man zu der Zeit wesentlich weniger prüde war, zumindestens, was die Darstellung dieser Körpermerkmale betraf, als heutzutage.
Darunter, kaum zu sehen, trägt Sven Beinlinge. Diese sind aus dünnem Leinen geschnitten (Wolle ist eigentlich besser, weil dehnbarer, aber es war wirklich ein heißer Sommertag), haben angesetzte Füße (sind also so eine Art Overknee-Strümpfe) und werden vorne mit Nestelschnüren an einem Bruchengürtel befestigt.

Beinlinge mit Fußling aus ungebleichtem Leinen

Dazu (hier ganz unsichtbar) trägt Sven eine Bruche, eine sehr weit geschnittene, knielange Boxershorts, die eng um die Beine gewickelt und oben in die Beinlinge gesteckt wird.

Bruche aus ausgeblichenem Leinen

Zu dem Gewand gehört auf jeden Fall ein Gürtel, mindestens mit einer Metallschnalle und einem passenden Ortband. Das Ortband ist deshalb nötig, weil es modisch war, ein langes Stück des Gürtels bis auf Knielänge (ungefähr) herabhängen zu lassen und dieses musste beschwert werden für den richtigen Fall. Ein modebewussterer (oder reicherer) Herr als Sven hätte auch noch Gürtelstrecker dazu getragen, Nietenbeschläge und einen besonderen Beschlag, an dem er seine Tasche oder seinen Almosenbeutel hätte hängen können.

Gürtel mit Schnalle und Gürtelende

Am Gürtel trägt Sven außerdem ein Essmesser in einer verzierten Scheide. Dies ist überhaupt eine Besonderheit fast aller vorindustriell gefertigter Dinge: Verzierungen und Details. Da jedes Stück einzeln  in Handarbeit hergestellt wurde, war es kein Problem, jedes Ding passend für seinen Zweck zu fertigen und mit Verzierungen zu versehen. Man findet kaum ein Stück, das nicht auf die eine oder andere Art verziert war.

Essmesser und verzierte Scheide

Bis hierhin ist die Gewandung wirklich authentisch (bis auf die Maschinennähte, vielleicht), kommen wir zu den Anachronismen:

a) die Tasche: Eine wunderschöne und praktische Tasche mit einer Vielzahl von Fächern, teilweise verschließbar. Ich habe hier ausführlich über diese Tasche gebloggt. Leider, leider, ist der zugehörige Fund aus der frühen Renaissance, ein- bis zweihundert Jahre der restlichen Gewandung voraus.

Renaissance-Gürteltasche
b) die Stiefel: Stiefel des dreizehnten Jahrhunderts erreichten nur die untere Wade und sie waren grundsätzlich anders geschnitten und mit anderen Verschlüssen versehen als diese. Dies  ist eine Adaptation eines modernen Schnitts mit zeitgenössischen (des 13. Jhs) Techniken. Die Stiefel sind wendegenäht, mit einem Randstreifen und einer angenähten Doppelsohle versehen.

Jea in Gewandung

Jea trägt hier ebenfalls eine Cotta des 13. Jahrhunderts, der Schnitt unterscheidet sich kaum von dem der Herrencotta. Auch hier werden Armkugeln verwendet, die die typischen Unterarm-Fältchen erzeugen, es hat, genau wie die Herren-Ausführung, einen Schlüsselloch-Ausschnitt, verschlossen mit einem Fürspan und eng anliegende, geschlitzte Unterärmel.  Anders als bei der Herrenform fällt die Saumlänge länger aus (weniger als knöchellang wäre unschicklich oder sehr ärmlich) und wesentlich weiter, hier wird nochmal ein ganzes Set Geren in die Mitte des Vorder- und Rückenteils eingesetzt. Eine modischere Frau hätte auf jeden Fall ein überlanges Gewand getragen, das auf den Boden fällt, eventuell noch mit einer extra Schleppe. Und sie hätte keine einfachen Schlitze an den Handgelenken, die das Herein- und Herauskommen aus den engen Ärmeln ermöglichen, sondern eine Reihe kleiner Knöpfe vm Ellenbogen bis zum Handgelenk.
Genau wie bei Sven handelt es sich um einen maschinengewebten und -gefärbten Wollstoff mit Handnähten, allerdings ist die Farbwahl etwas fragwürdig. Während man ein helles, leuchtendes gelb leicht mit Birke Färben konnte, hätte es für ein derartiges Orange schon Safran oder eine Mischfarbe benötigt. Beides ist nicht vereinbar mit dem Stand, den ihre Kleidung sonst suggeriert.

Orange-Gelbe Cotta aus Wolle

Unter der ungefütterten Cotta trägt auch Jea ein Unterhemd aus einem leichten Leinenstoff, ganau wie bei Sven ist es einfacher geschnitten als die Cotta, z.B. hat es Geren nur an den Seiten.

Unterkleid aus leichtem, gebleichtem Leinen

Auf dem Kopfe trägt sie hier einen Wimpel, ein langes rechteckiges Tuch aus einem dünnen Leinenstoff, das auf eine ganz besondere Weise gewickelt und geschlungen wird. Dazu kann auch noch ein Schleier getragen werden, der mit Nadeln befestigt wird.

Unterhosen waren für Frauen nicht vorgesehen, frau ging ‘unten Ohne’.

Dafür gab es Strümpfe, die ähnlich geschnitten waren wie die Beinlinge der Herren und mit einem Band in einem Tunnelzug und/oder durch viele Nestellöcher befestigt wurden.  Dies ist ein Fall, an dem ich die modernen Gummibänder wirklich vermisse: Diese unflexibelen Strumpfbänder rutschen entweder, oder sie sitzen so eng, dass sie einschnüren. Dies ist ein wirklich unkomfortabeles Kleidungsstück (imho).

Jeas Gürtel ist wie Svens mit Schnalle und Ortband versehen, ihren Almosenbeutel trägt sie ohne Metallbeschlag direkt am Gürtel.

Gürtel mit Essmesser und Täschchen (Anachronismen)

Der Almosenbeutel besteht aus zwei verschiedenen Seidenstoffen, einer mit dem anderen gefüttert.  Er wird mit einem fingerschlaufengewebten Band befestigt und mit einem weiteren Band zugezogen, Glasperlen, die man auf der Schnur hin- und herschieben kann, bilden den Verschluss. Er ist mit mehreren Troddeln verziert.

Almosenbeutel, Seide gefüttert mit Seide, Troddeln, Glasperlen, schlaufengewebte Schnüre

Dazu trägt Jea ihre allerersten sebstgenähten Schuhe, ein Paar offene Schnallenschuhe, wie sie im 13.Jahrhundert häufig getragen wurden. Die Schuhe sind inzwischen 6 Jahre alt!

Schließlich kommt noch eine Pilgertasche hinzu, diese hier ist anachronistischerweise aus einem Barchent gefertigt, wie er erst hundert Jahre später in breiter Masse Verwendung finden sollte. Die Form und auch die Verzierung mit Troddeln und Pilgerabzeichen aber sind authentisch.

Pilgertasche aus Barchent mit Pilgerabzeichen aus Zinn

Anachronistisch für Jeas Kleidung ist zuallererst die Brille (war zu faul für Kontaktis) und dann das Messer. Sowohl ein Ringknaufmesser als auch eine Kederscheide gehören eher zu den Germanen am Anfang des Mittelalters, gute 500 Jahre früher. Es wäre also zu ihrer Zeit schon eine echte Antiquität gewesen.

Ringknaufmesser in Kederscheide

 

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