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Nur so eine Kleinigkeit für Zwischendurch:

Ein handgenähtes Leibhemd aus einem fein gewebten, ungebleichten Leinen.

Hier sieht man den Schnitt:

Schnittmuster Leibhemd

Diese Zuscheideweise ist sehr platzsparend: Wenn man ein Stoffstück in der Brustweite des designierten Trägers verwendet, passen alle Teile wunderbar zusammen wie ein Puzzle und man hat fast gar keinen Verschnitt. Ganz genau so hätte es eine Hausfrau im Mittelalter auch zugeschnitten.

Hier sieht man dann das fertig genähte Stück; genäht wurde mit einem einfach verzwirnten Leinenfaden, der für mehr Stabilität gewachst wurde:

fertiges Leibhemd

Bei Handnähten gehört es übrigens zum Service, dass alle offen liegenden Nähte als Kappnähte ausgeführt werden. Das gibt eine Menge mehr Stabilität und Haltbarkeit!

An den Handgelenken ist das Hemd so geschnitten, dass es ganz eng anliegt, also genau so schmal wird wie der Handgelenksumfang des Trägers. Da die Hände für gewöhnlich größer sind als das Handgelenk, arbeitet man deshalb einen Schlitz ein, damit der Träger mit der Hand durchkommt. Das hat den weiteren Vorteil, dass man die Ärmel am Handgelenk ein Stück weit zurück klappen kann, um die Hände freier zu haben, zm Beispiel, wenn man Küchenarbeiten versieht.

Handgelenk mit Schlitz

Am Hals schließlich, wo das Kleidungsstück zumeist den größten Belastungen ausgesetzt ist, wird ein Stoffstreifen verstürzt angebracht, um hier den Ausschnitt zu verstärken.

verstärkter Rundhalsausschnitt

 

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6
Sep

Gewandung für das 13. Jahrhundert

   Posted by: jea    in Mittelalter-Manufaktur

 

Hier will ich schnell noch ein paar Worte schreiben zu der Gewandung, mit der Sven und ich dieses Jahr beim Sparrenburgfest waren:

Prinzipiell stellte die Gewandung mittelständische Leute aus dem 13. Jahrhundert in Mitteleuropa dar, allerdings mit ein paar mehr oder weniger groben Schnitzern, die vor allen Dingen darauf basieren, dass ich für meine eigenen Sachen irgendwie nie genug Zeit habe, weil ich mit Kundenaufträgen beschäftigt bin und deshalb auf Dinge zurückgreifen muss, die noch ‘rumliegen’.

Sven in Cotta

Sven trägt hier eine knielange Cotta in einem hellen Indigoblau aus einem 2-1 köpergebundenem Wollstoff.

blaue Cotta aus Wolle

Mit heimischem Waid war die Farbe damals durchaus auf Wolle zu erzielen, und auch die Webart war nicht unüblich. Allerdings ist dieser Stoff maschinengewebt und chemisch gefärbt und dann, weil ich ja nie genug Zeit habe, auch noch mit der Nähmaschine genäht. Der Schnitt ist durchaus authentisch zu nennen, so oder so ähnlich ist er jedenfalls auf Funden nachzuweisen und auch der Fall ist so wie auf den Miniaturen. Beachtet zum Beispiel die Fältchen, die sich von der Achsel zur Brust ziehen, diese sind z.B. auf den Darstellungen des Liber Manesse genauso dargestellt. Dort allerdings sind adelige Personen dargestellt, daher sind die Farbtöne, wie das Blau dort wesentlich dunkler (wofür man mehr Farbe aufwenden muss) und die Gewandlänge ist in der Regel dort knöchellang. Arbeitende Personen dagegen wurden eher mit kurzen Gewändern dargestellt, wie z.B. in der Maciejowski-Bibel, was ganz einfach mit de Praktikabilität zu tun hat. Da dieses Gewand für den Sommer gedacht ist, ist es nicht gefüttert.

Maciejowski  Bibel – David und Goliath

David trägt auf diesen Bildern eine ähnliche Cotta wie Sven, nur dass Davids Cotta hier rot ist. Man sieht gut den Schlüssllochausschnitt und die Achselfalte. Da Davids Gewand geschlitzt ist, erlaubt sie auch einen Blick auf Davids Beinlinge und Bruche. Dies ist auch ein sehr netter Beleg für die Methode, die Ärmel am Handgelenk zu schlitzen. So kann man sie zurückklappen, wenn man die Hände frei braucht – ganz wie David es hier auf drei von vier Bildern zeigt.

Darunter wurde ein einfaches Unterhemd aus Leinen getragen, das im Großen und Ganzen dem gleichen Schnittmuster folgt, aber keine Armkugeln hat. Unterhemden sollten immer so geschnitten sein, dass sie nicht unter der Oberkleidung hervorschauen, das galt als eher unschicklich und man assoziierte damit, dass die Person nicht in der Lage war, ihre Kleidung in Ordnung zu halten.

Unterhemd aus gebleichtem Leinen

Am Hals wird die Cotta mit einem Fürspan verschlossen, wie er in dieser Zeit modern war (Omega-Fibeln gehören in eine frühere Zeit).

Fürspan

Dazu trägt der Herr natürlich auch etwas auf dem Kopfe; ohne Kopfbedeckung aus dem Haus zu gehen, ist erst in der Neuzeit populär geworden. In Svens Fall ist es die unvermeidliche Bundhaube (so eine Art Unterwäsche für den Kopf) und darüber ein Pilgerhut mit einem Jakobs-Muschel-Anstecker aus Zinn.

Bundhaube aus gebleichtem Leinen

Pilgerhüte waren in der Hauptsache praktisch, von der Form am ehesten mit  Ölzeug-Regenhüten zu vergleichen. Ihr Zweck war es, vor Sonne und Regen gleichermaßen zu schützen: Dafür wurde die breite Krempe vorn hochgeschlagen und hinten heruntergeklappt, so, dass das Wasser über den Rücken ablaufen konnte. Ich habe es ausprobiert und es funktioniert wirklich gut!

Pilgerzeichen waren in iher Zeit so etwas wie ein Modeartikel, sie wurden entlang der Pilgerwege verkauft. Während die Jakobsmuschel natürlich für den Jakobsweg nach Santiago de Compostela steht, gab es noch eine Vielzahl anderer Zeichen, die häufig Berufsgruppen kennzeichneten, oder aber auch das, was man sich von der Pilgerfahrt erhoffte. Heutzutage findet man in den verschiedenen Reenactment-Shops häufig Phalli und Vulvae, die tatsächlich von Originalfunden kopiert sind. Man sollte aber beachten, dass man zu der Zeit wesentlich weniger prüde war, zumindestens, was die Darstellung dieser Körpermerkmale betraf, als heutzutage.
Darunter, kaum zu sehen, trägt Sven Beinlinge. Diese sind aus dünnem Leinen geschnitten (Wolle ist eigentlich besser, weil dehnbarer, aber es war wirklich ein heißer Sommertag), haben angesetzte Füße (sind also so eine Art Overknee-Strümpfe) und werden vorne mit Nestelschnüren an einem Bruchengürtel befestigt.

Beinlinge mit Fußling aus ungebleichtem Leinen

Dazu (hier ganz unsichtbar) trägt Sven eine Bruche, eine sehr weit geschnittene, knielange Boxershorts, die eng um die Beine gewickelt und oben in die Beinlinge gesteckt wird.

Bruche aus ausgeblichenem Leinen

Zu dem Gewand gehört auf jeden Fall ein Gürtel, mindestens mit einer Metallschnalle und einem passenden Ortband. Das Ortband ist deshalb nötig, weil es modisch war, ein langes Stück des Gürtels bis auf Knielänge (ungefähr) herabhängen zu lassen und dieses musste beschwert werden für den richtigen Fall. Ein modebewussterer (oder reicherer) Herr als Sven hätte auch noch Gürtelstrecker dazu getragen, Nietenbeschläge und einen besonderen Beschlag, an dem er seine Tasche oder seinen Almosenbeutel hätte hängen können.

Gürtel mit Schnalle und Gürtelende

Am Gürtel trägt Sven außerdem ein Essmesser in einer verzierten Scheide. Dies ist überhaupt eine Besonderheit fast aller vorindustriell gefertigter Dinge: Verzierungen und Details. Da jedes Stück einzeln  in Handarbeit hergestellt wurde, war es kein Problem, jedes Ding passend für seinen Zweck zu fertigen und mit Verzierungen zu versehen. Man findet kaum ein Stück, das nicht auf die eine oder andere Art verziert war.

Essmesser und verzierte Scheide

Bis hierhin ist die Gewandung wirklich authentisch (bis auf die Maschinennähte, vielleicht), kommen wir zu den Anachronismen:

a) die Tasche: Eine wunderschöne und praktische Tasche mit einer Vielzahl von Fächern, teilweise verschließbar. Ich habe hier ausführlich über diese Tasche gebloggt. Leider, leider, ist der zugehörige Fund aus der frühen Renaissance, ein- bis zweihundert Jahre der restlichen Gewandung voraus.

Renaissance-Gürteltasche
b) die Stiefel: Stiefel des dreizehnten Jahrhunderts erreichten nur die untere Wade und sie waren grundsätzlich anders geschnitten und mit anderen Verschlüssen versehen als diese. Dies  ist eine Adaptation eines modernen Schnitts mit zeitgenössischen (des 13. Jhs) Techniken. Die Stiefel sind wendegenäht, mit einem Randstreifen und einer angenähten Doppelsohle versehen.

Jea in Gewandung

Jea trägt hier ebenfalls eine Cotta des 13. Jahrhunderts, der Schnitt unterscheidet sich kaum von dem der Herrencotta. Auch hier werden Armkugeln verwendet, die die typischen Unterarm-Fältchen erzeugen, es hat, genau wie die Herren-Ausführung, einen Schlüsselloch-Ausschnitt, verschlossen mit einem Fürspan und eng anliegende, geschlitzte Unterärmel.  Anders als bei der Herrenform fällt die Saumlänge länger aus (weniger als knöchellang wäre unschicklich oder sehr ärmlich) und wesentlich weiter, hier wird nochmal ein ganzes Set Geren in die Mitte des Vorder- und Rückenteils eingesetzt. Eine modischere Frau hätte auf jeden Fall ein überlanges Gewand getragen, das auf den Boden fällt, eventuell noch mit einer extra Schleppe. Und sie hätte keine einfachen Schlitze an den Handgelenken, die das Herein- und Herauskommen aus den engen Ärmeln ermöglichen, sondern eine Reihe kleiner Knöpfe vm Ellenbogen bis zum Handgelenk.
Genau wie bei Sven handelt es sich um einen maschinengewebten und -gefärbten Wollstoff mit Handnähten, allerdings ist die Farbwahl etwas fragwürdig. Während man ein helles, leuchtendes gelb leicht mit Birke Färben konnte, hätte es für ein derartiges Orange schon Safran oder eine Mischfarbe benötigt. Beides ist nicht vereinbar mit dem Stand, den ihre Kleidung sonst suggeriert.

Orange-Gelbe Cotta aus Wolle

Unter der ungefütterten Cotta trägt auch Jea ein Unterhemd aus einem leichten Leinenstoff, ganau wie bei Sven ist es einfacher geschnitten als die Cotta, z.B. hat es Geren nur an den Seiten.

Unterkleid aus leichtem, gebleichtem Leinen

Auf dem Kopfe trägt sie hier einen Wimpel, ein langes rechteckiges Tuch aus einem dünnen Leinenstoff, das auf eine ganz besondere Weise gewickelt und geschlungen wird. Dazu kann auch noch ein Schleier getragen werden, der mit Nadeln befestigt wird.

Unterhosen waren für Frauen nicht vorgesehen, frau ging ‘unten Ohne’.

Dafür gab es Strümpfe, die ähnlich geschnitten waren wie die Beinlinge der Herren und mit einem Band in einem Tunnelzug und/oder durch viele Nestellöcher befestigt wurden.  Dies ist ein Fall, an dem ich die modernen Gummibänder wirklich vermisse: Diese unflexibelen Strumpfbänder rutschen entweder, oder sie sitzen so eng, dass sie einschnüren. Dies ist ein wirklich unkomfortabeles Kleidungsstück (imho).

Jeas Gürtel ist wie Svens mit Schnalle und Ortband versehen, ihren Almosenbeutel trägt sie ohne Metallbeschlag direkt am Gürtel.

Gürtel mit Essmesser und Täschchen (Anachronismen)

Der Almosenbeutel besteht aus zwei verschiedenen Seidenstoffen, einer mit dem anderen gefüttert.  Er wird mit einem fingerschlaufengewebten Band befestigt und mit einem weiteren Band zugezogen, Glasperlen, die man auf der Schnur hin- und herschieben kann, bilden den Verschluss. Er ist mit mehreren Troddeln verziert.

Almosenbeutel, Seide gefüttert mit Seide, Troddeln, Glasperlen, schlaufengewebte Schnüre

Dazu trägt Jea ihre allerersten sebstgenähten Schuhe, ein Paar offene Schnallenschuhe, wie sie im 13.Jahrhundert häufig getragen wurden. Die Schuhe sind inzwischen 6 Jahre alt!

Schließlich kommt noch eine Pilgertasche hinzu, diese hier ist anachronistischerweise aus einem Barchent gefertigt, wie er erst hundert Jahre später in breiter Masse Verwendung finden sollte. Die Form und auch die Verzierung mit Troddeln und Pilgerabzeichen aber sind authentisch.

Pilgertasche aus Barchent mit Pilgerabzeichen aus Zinn

Anachronistisch für Jeas Kleidung ist zuallererst die Brille (war zu faul für Kontaktis) und dann das Messer. Sowohl ein Ringknaufmesser als auch eine Kederscheide gehören eher zu den Germanen am Anfang des Mittelalters, gute 500 Jahre früher. Es wäre also zu ihrer Zeit schon eine echte Antiquität gewesen.

Ringknaufmesser in Kederscheide

 

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