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Mein Fun-Projekt für den Monat April ist fertiggeworden!

Ich habe für mich eine Gürteltasche nach dem Buch Purses in Pieces gearbeitet.

Sie kommt der, die man hier auf dem Einband sehen kann,  schon ziemlich nahe.

Purses in pieces

Hier zu sehen ist eine Zeichnung einer Tasche, die in einer Ausgrabung in Dordrecht (NL) gefunden wurde. Natürlich ist der Fund wesentlich beschädigter, aber so hätte die Tasche wohl ausgesehen, als sie noch in Benutzung war.

Dordrecht-Tasche

Hier ist ein Bild meiner Tasche, ich habe sie aus einem Reststück Rhabarberleder gemacht, das hier schon lange herumliegt und das ich für Kundenprojekte nicht mehr nehmen wollte, weil ich nie mehr über diese mysteriöse ‘Rhabarbergerbung‘ herausgefunden habe. Sollte jemand, der dies liest, mir mehr darüber erzählen können, wäre ich sehr dankbar und würde die Ergebnisse natürlich auch gerne hier veröffentlichen.

Meine Tasche

Hier sieht man eine Übersicht (Ausschnitt) von verschiedenen Taschenaufbauten, die alle gefunden wurden. Es gab ein Fach, zwei Fächer, aufgesetzte Taschen, Klappen und Extra-Rückseiten. Meine Tasche entspricht am ehesten dem Modell h), nur habe ich die Taschenklappe auch aus zwei Schichten Leder gemacht.

verschiedene Taschenaufbauten

Eine Besonderheit, die viele der gefundenen Taschen aufwiesen (und die man leider auf heutigen Rekonstruktionen fast nie sieht), ist die Stofftasche: Eines der Taschenkompartmente hat auf einer Seite nicht Leder, sondern Stoff, nur der Rand ist aus Leder. Der Autor Olaf Goubitz vermutet, dass dies daran liegen könnte, dass Stoff sich weiter ausbeulen lässt als Leder und das Kompartment damit mehr oder größere Objekte fassen kann. Hier sieht man Fundzeichnunge eines solchen Kompartmentes, darunter ein Detail meiner Tasche, wie der Stoff festgenäht wurde.

Fundzeichnung Stofftasche

Detail Stofftasche

Auch die Schlaufe für den Gürtel bzw. die Öffnung für den Gürtelstab kam nicht in einer Form, sondern in einer ganzen Formenvielfalt daher. Unten sieht man eine Auswahl verschiedener gefundener Formen, darunter meine Wahl.

verschiedene Gürtelschlaufen

Meine Gürtelschlaufe

Die verschiedenen Kompartmente wurden mit schmalen Lederstreifen zusammengenäht (meiner ist eigentlich schon ziemlich breit). Ich denke, dass Leder hier das Mittel der Wahl war, weil Leinengarn zu einfach durchgescheuert wäre. Auch hier ist die ‘Nahtweise’ übrigens nicht einheitlich, sondern es finden sich verschiedene Formen von ganz einfach bis zu komplizierten Rückstich-Formen, bei der jeweils noch zusätzlich durch das bereits vernähte Band durchgestochen wurde. Ich hätte eigentlich gerne so eine fancy-Rückstichart verwirklicht, aber mit dem von mir gewählten Leder war das (mit meinen Kräften) leider nicht möglich, also musste ich den langweiligen Vorstich nehmen…

Unten sieht man einen Ausschnitt aus dem Buch, der die Nähtechnik, die ich letztendlich verwendet habe, zeigt: von vorne, von hinten, die Reihenfolge der Schlitze und eine Seitenansicht , die zeigt, wie das Band geführt wurde.

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Meine Bindung

Hier ist eine Zeichnung des ‘typischen’ Aufbaus mit Stofftasche und aufgesetzten Taschen: Diese beiden Teile lagen sich gegenüber, und das Kompartment mit den aufgesetzten Taschen hatte natürlich auch eine Öffnung zum Befüllen.

Zeichnung mit Stofftasche u. aufgesetzten Taschen

Hier sieht man meine Tasche, man sieht, dass ich weniger Platz oberhalb des Eingriffs für das große Kompartment gelassen habe als auf der Zeichnung (die nächste Tasche sollte in diesem Bereich länger werden), außerdem habe ich mich nicht getraut, Schlitze für die Lederband-Bindung in den Stoff zu schneiden, aus Angst, dass mir dieser schnell ausreißt. Daher habe ich hier direkt unterhalb der Bindung den Stoff gesäumt und folgerichtig auch auf einen zusätzlichen Eingriff verzichtet, da hier der Eingriff einfach oberhalb des Saums liegt. Ich bin mit dieser Lösung eigentlich recht zufrieden, der Saum sitzt sehr stramm, da fällt eigentlich nichts raus, auch nicht, wenn man (z.B., wenn die Tasche am Gürtel hängt) das Kompartment auf den Kopf stellt, um an die darunter liegenden Taschen zu gelangen.

Stofftasche und aufgesetzte Taschen bei meiner Tasche

Hier sieht man den Taschendeckel und die Rückseite des Stoffkompartments. Ich spiele mit dem Gedanken, hier in den Deckel auch einen Schlitz einzuarbeiten, da der Platz hierin sonst doch recht verschwendet wäre.

Taschenklappe

Hier nochmal eine Detailaufnahme der verschiedenen Fachöffnungen: Ganz oben kann man unter dem Saum in das Stoffkompartment greifen, darunter liegt, mit einem aufgesetzten Band verstärkt, das Lederkompartment und darauf die Stofftaschen, die extra mit einem aufgesetzten Lederstreifen am Saum verstärkt wurden.

großes Fach und Stofffach gegenüberliegend

Hier sieht man den Öffnungsmechanismus der aufgesetzten Taschen: Zieht man an der Perle, öffnet sich die Tasche, zieht man an dem Lederblatt, schließt sie sich. Wer auf Nummer Sicher gehen möchte, weil etwas Schweres oder Teures in dem Fach ist, kann auch die Perle ganz nach oben schieben und darunter einen Knoten in das Band schlingen, dann kann die Tasche nicht aufgehen, bevor der Knoten gelöst wurde.

Aufgesetzte Taschen mit Verschluss

Aufgesetzte Tasche geöffnet

Her kommt noch mal eine Gesamtansicht der Tasche, in der man auch gut sieht, dass die aufgesetzten Taschen ziemlich geräumig sind.

Gesamtansicht

Ich bin insgesamt mit meinem Werk sehr zufrieden und brenne natürlich darauf, die Tasche auch auszuprobieren.

Ich weiß ein paar Dinge, die ich bei der nächsten Tasche anders machen würde (weicheres Leder für die innenliegenden Kompartments), aber das sind eigentlich alles nur Kleinigkeiten. Und es war endlich mal wieder ein herausforderndes, neues Projekt, an dem ich mich so richtg austoben durfte!

Projekt für den Monat Mai: Ein Einzel-Mast Reenactment-Zelt

 

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23
Apr

Buchvorstellung: Purses in Pieces

   Posted by: jea    in Mittelalter-Manufaktur

 

Ich habe schon seit einer Ewigkeit vor, meine Literatur-Quellen zu teilen und allen Interessierten mitzuteilen, auf welche Bücher ich für Vorlagensuche zurückgreife und warum.

Wie so viele Großprojekte, die ich mir vornehme, habe ich es bis jetzt noch nicht geschafft. :-(

Aber, ich habe ja jetzt ein Blog, und das ist dazu gedacht, häppchenweise Neuigkeiten einzufügen. Genau richtig für mich!

Also will ich gleich mal damit anfangen und ein Buch vorstellen, das mir wirklich sehr gut gefällt und das viele von euch vielleicht noch gar nicht kennen:

Das Buch heißt Purses in Pieces und ist 2007 bei einem niederländischen Archäologie-Verlag erschienen.

Goubitz – Purses in Pieces

Und, wie der Titel vermuten lässt, beschäftigt es sich mit allen Arten von Taschen, wobei es sich aber auf Funde aus dem späten Mittelalter/frühe Rennaissance aus den Niederlanden beschränkt.

Auf 118 Seiten (Softcover) werden archäologische Funde dargestellt, als Foto und auch als Aufrisszeichnung, teilweise belegt mit Abbildungen. Ganz besonders hervorzuheben an diesem Buch ist auch, dass es eine Vielzahl von Repliken zeigt, so wie, bei schlechten Funden eine gut interpretierbare Zeichnung des gesamten Objekts, wie es neu ausgesehen haben müsste.

Ringbörse

Der Autor, Olaf Goubitz, ist vielen sicherlich bekannt von seinem, inzwischen zum Standardwerk gewordenen Stepping through time, dem Standardwerk für historische Fußbekeidung. Der Archäologe, der sich in all seinen Arbeiten immer auch mit Repliken beschäftigte, bestand darauf , eine archäologischen Technik nicht ordentlich verstehen zu können, bevor man sie nicht ausprobiert habe.  Leider ist er während der Arbeiten an diesem Buch verstorben (Sehr zum Nachteil für alle Hobby Living History’ler, da er ein weiteres Buch über Messerscheiden in Vorbereitung hatte).

Die vorgestellten Funde stammen überwiegend (aber nicht nur) aus einer großen Ausgrabung in Dordrecht zwischen 1968 und 1985. Es gibt eine Vielzahl verschiedener Behältnisse für verschiedenste Dinge, die transportiert wurden, und viele von ihnen wurden mehr oder weniger reich verziert.

Die Themen des Buches sind:

  • Girdle purse
  • Hand purse
  • Pouch purse
  • Girdle bags
  • Frames purses
  • Money pouch or drawstring pouches
  • Girdle pouch
  • Waist bundle
  • Money-changer’s purses
  • Bag
  • Wallet
  • Cases
  • Bottle covering
  • Enigmatic finds

Das Kapitel über Girdle purses beshäftigt sich sehr ausführlich mit dem im Reenactment am weitesten verbreiteten Objekt: der Gürteltsche. Auf über zwanzig Seiten werden verschiedene Grundmuster erörtert, diverse Formen und Aufbaue (aus ein, zwei oder mehr einzelnen Taschen, teilweise mit aufgesetzten Täschchen) gezeigt und eine sehr schöne Replika gezeigt.

Sehr beachtenswert finde ich persönlich das Kapitel über framed purses, ich hatte schon mehrfach Abbildungen solcher ‘Beutel’ gesehen, war aber bislang noch nicht so recht zu einem Schluss gekommen, wie sie aufgebaut sind. Dankenswerterweise sind die ‘frames’ aus Metall und haben sich daher erhalten, mit Hilfe des Metalll-Fundes und der Abbildung ist eine Rekonstruktion also gut möglich.
Interessant ist noch am Rande, dass die Ring-Taschen mit einem Ring bald zu solchen mit einem zusammenklappbaren Halb-Ring mit Scharnier führten, die denen ziemlich ähnlich sehen, die meine Oma noch jeden Tag benutzte.

Wirklich spannend sind die Money-changer’s purses: große Taschen mit vielen verschiedenen kleinen Beutelchen und Comparments, in denen die Geldwechsler die verschiedene Stücke und Währungen auseinanderhalten konnten. Detaillierte Aufrisszeichnungen machen eine Rekonstruktion möglich.

Money changer’s purse – Aufriss

Stick purse – Originalfund und Rekonstruktion

Unter Cases fallen eine Menge verschiedener Objekte, die jeweils passend angefrtigt wurden für die Gegenstände, die sie beherbergten: Messerscheiden, Sonnenuhren, Schreibtäfelchen, Besteckhalter (ein sehr ausgefallener Behälter für einen zusammenklappbaren Löffel), Beutel für Brillengläser, Nadeln, Stifte, Flaschen, Schlüssel und sogar Buchumschläge. Alles mit sehr guten Fotos, Abbildungen und erläuternden Texten, die eine eigene Rekonstruktion gut möglich machen.

Rekonstrution einer Schreibertasche

Herstellung eines tablet case

Ich kann das Buch für Hobby-Reenacter nur wärmstens empfehlen: Die Vielzahl der Objekte, die mit dem Buch als Anleitung herstellbar sind, reichen für weit mehr als eine Person/Figur, und, schließlich sind es die Kleinigkeiten, die den Unterschied machen zwischen einem Markt-Säufer oder Kostümcamper und einem Living-History Reenacter.

Ein bisschen Ahnung von Leder und seinen Verarbeitungstechniken sollte man schon mitbringen, das Buch ist nicht als Anleitung gedacht, sondern als  Vorstellung der verschiedenen Funde für historisch interessierte Personen/Leute vom Fach. Aber die Gewissenhaftigkeit des Autors und seine wunderbaren eigenen Rekonstruktionen machen mit ein bisschen Try und Error eine  Nacharbeit der verschiedenen Stücke sehr gut möglich. Überhaupt ist es sicherlich anzuraten, ein geplantes Stück zuerst einmal in Restleder zweifelhafter Herkunft herzustellen, und dann, wenn man alle Fallen und Missverständnisse hrausgefunden hat, diese Erfahrungen in schönem, vegetabil gegerbten Leder mit Leinenfaden, Bienenwachs und Pech umzusetzen.

 

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