Posts Tagged ‘Spätmittelalter’

20
May

SpäMi-Unterhosen

   Posted by: jea    in Mittelalter-Manufaktur

 

Heute sind ein Paar Spätmittelalterliche Unterhosen fertiggeworden.

Im Gegensatz zu den hochmittelalterlichen Unterhosen oder Bruchen, Brouchen, die an eine Boxershorts erinnern, die einem Riesen entwendet wurde, sind die Unterhosen im Spätmittelalter kurz und körpernah geschnitten.

Spätmittelalterliche Rückseite

Das hat etwas mit dem Wandel in der Mode zu tun: Während der Herr im Hochmittelalter sein Kleid knie- bis knöchellang trug, reicht das Gewand im Spätmittelalter kaum mehr, um die Blöße zu bedecken (Stoff muss teurer geworden sein :-) ). Im Hochmittelalter sah man also von den Beinlingen höchstens den Teil ab dem Knie, da machte es wenig aus, wenn der obere Teil ausgebeult war von den reingestopften Bruchen. Da der modebewusste Herr im Spätmittelalter aber seine Beine in ihrer gesamten Länge und Pracht zur Schau stellte, musste eine Unterbekleidung her,  die nicht auftrug.

Die Unterhosen, wie ich sie mache, sind aus zwei Lagen Stoff, also gefüttert, weil ich eine Lage für zu dünn halte -  schließlich sollen die Unterhosen ja auch noch die Beinlinge hochhalten, zumindestens, wenn nicht schon ein modisches Wams dazu getragen wird.

So sieht die Unterhose aus, wenn sie fertig genäht ist. Der obere Saum ist noch einmal umgelegt, um einen Tunnelzug zu ermöglichen. Dadurch haben wir am oberen Saum 4 Lagen Stoff und können so die Nestellöcher durch zwei Lagen Stoff festnähen und trotzdem noch den Tunnelzug so gestalten, dass das Band hierfür durch eine Stoffschicht von den Bruchenbändern getrennt ist. Das ist wichtig, wenn man z.B. die Bänder austauschen will.

Unterhose in Grundform

Beim Stechen der Nestellöcher muss man hier ganz besonders aufpassen: Bei vier Stoffschichten kann man leicht mal die falsche Schicht erwischen, und wenn das passiert, dann klappt das mit dem Durchziehen der Bänder nicht mehr, weil das Band auf einer anderen Lage hineingeht, als es herauskommen sollte. Also muss man vor wirklich jedem(!) Stich mit einer stumpfen Nähahle o.ä. den gewünschten Kanal offen halten, damit am Ende alles stimmt.

Danach müssen erstmal Unmengen von Fingerschlaufenbändern gewebt werden. Die eine Hälfte ist hier rot, die andere blau, weil die dazugehörigen Beinlinge ebenfalls einer rot, der andere blau sind. Das Durchzugsband für den Tunnelzug ist aus dickerer Wolle geflochten und in einem unauffälligen Birkengrün gehalten.

Fingerschlaufenbänder

Fingerschlaufenbänder

So sieht die Unterhose mit Durchzugsband aus: Wie eine Kreuzung aus normalem Slip und hochbeiniger Boxershorts

Unterhose mit Tunnelzugband

Hier sind alle Bänder passend durchgezogen. Idealerweise sollten an den Enden der Bänder noch Nestelspitzen befestigt werden, damit man die Bänder schneller und leichter durchziehen kann.

Unterhose mit allen Bändern

Hier habe ich mal einen Beinling an die Bänder angenestelt. Man kann gut sehen, wie er die männliche Blöße bedeckt, damit die Frauen nicht reihenweise in Ohnmacht fallen, wenn der Herr sich mal bückt ;-) !

Unterhose mit Beinling

 

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18
May

Spätmittelalterliche Beinlinge

   Posted by: jea    in Mittelalter-Manufaktur

 

Ein Paar (genauer gesagt: zwei Paar) spätmittelalterlicher Beinlinge wurden fertiggestellt.

Da die Mode im Spätmittelalter bei den Herren zu immer kürzeren Oberkleidern führte, mussten die hochmittelalterlichen Beinlinge, die den Hintern des Mannes nicht bedeckten, durch eine züchtigere Form abgelöst werden. Angeblich sind Schriften erhalten, die vom reihenweisen Umfallen der Damen berichten, wenn so ein Herr sich bückte und der kurze Rock den Blick auf seinen Allerwertesten freigab! ;-)

Hier habe ich mal die beiden Kleiderstile skizziert: Im Hochmittelalter trug man Riesenboxershorts zusammen mit Beinlingen, die nur vorne an einem Zipfel bis an den Gürtel reichten. Hinten liefen sie in einer Rundung unter der Pobacke entlang.

Hochmittelalterliche Beinkleider

Im Spätmittelalter dagegen trug man(n) einen Hauch von nichts (verglichen mit der früheren Epoche) darunter und drüber Beinlinge, die auf einem breiten Saum bis an den Gürtel reichten und dafür sorgen sollten, dass die Damenschaft nicht umfiel.

Spätmittelalterliche Beinkleider

Dass das nicht immer so funktionierte wie vorgesehen, zeigt übrigens dieses Bild eines etwas – nachlässig – gekleideten Herren:

Spätmittelalterliche Rückseite

Hier sieht man das Schnittmuster für den Beinling. Diese Variante hat einen Steg unter dem Fuß, es gab aber natürlich auch Formen mit angesetztem Fußling (Ich selbst bevorzuge die Fußling-Variante. Wollstrümpfe halten die Füße prima warm).

Schnittmuster Beinling

Hier ist der Beinling zusammengenadelt und man sieht schon, wie das fertige Stück aussehen wird: Der breite Bogen läuft zwischen den Beinen durch und der gerade Saum wird an die Bruche, den Bruchengürtel, oder, wie auf dem oberen Bild, an ein Wams angenestelt.

zusammengesteckter Beinling

Ein Detail, das ich immer gerne verarbeite, auch, wenn ich dafür keinen historischen Beleg habe: Ich mache einen Beleg aus Leien für die Innenseite des Stegs. Leinen ist hautsympathischer als Wolle und saugt Schweiß auf. Ich finde das ganz angenehm.

Detail Fußsteg mit Leinen

So sehen die gefütterten Fußstege dann fertig aus.

fertige Fußstege mit Leinenfutter

Oben am gerade verlaufenden Saum wird ebenfalls noch ein Beleg angesetzt. Hier liegt der Stoff dann insgesamt dreifach, da hinein werden die Nestellöcher gestochen, dann halten drei Stoffschichten gegen das Ausreißen. Prinzipiell könnte man auch einen breiten Saum machen, aber ich mache lieber einen Beleg aus gerade zugeschnittenem Stoff.

Bund mit Nestellöchern

Der ganze Beinling ist aus schräg zugeschnittenem Stoff genäht, weil der Stoff in Diagonalrichtung am dehnbarsten ist und sich seinem Träger so besser anpasst. Aber am Saum möchte man eigentlich weniger Dehnbarkeit als Formfestigkeit haben und dafür ist der gerade zugeschnittene Stoff da.

Auf dem Detailfoto sieht man gut die verschiedenen Webrichtungen.

Bund Detail

Und so sehen die fertigen Beinlinge dann aus. Fehlt nur noch die passende Unterhose.

fertiges Paar hochmittelelterliche Beinlinge

 

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